Der Katzen Kurzkrimi für den Januar

Eine glückliche Fügung

Teil 1

Es ist mir nicht bekannt, wie lange Frauchen mit diesem Ekel von Mann verheiratet war. Es muss wohl ihrerseits zu Anfang die ganz große Liebe gewesen sein, während ich ihm allerdings ein wesentlich größeres Interesse an ihren materiellen Werten denn an ihrem Liebreiz unterstellen will. Frauchen ist keine Schönheit im herkömmlichen Sinne, aber sie besitzt eine herzliche, gütige, durch und durch positive Ausstrahlung, was bei ihrer Ehe eigentlich verwunderlich ist.

 

Die Beiden müssen schon einige Jahre verheiratet gewesen sein, ehe ich zu ihnen stieß. Es war an einem eisig kalten Wintertag, als ich einen Moment lang nicht aufpasste und vor ein Auto lief. Wer auch immer am Steuer des Unfallwagens saß, er oder sie scherte sich nicht um mich, sondern gab Gas und war nach kurzer Zeit aus meinem Blickfeld verschwunden.

Ich versuchte, aufzustehen, aber meine Hinterläufe machten nicht mit. Nach einigen vergeblichen Versuchen, kapitulierte ich schließlich und lag auf dem gefrorenen Boden, darauf wartend, dass eine gnädige Ohnmacht sich meiner annehmen und ich auf der eiskalten Straße erfrieren würde. Ich muss schon kurz vor dem Wegdämmern gewesen sein, als ich von ferne Schritte und Stimmen, eine weibliche und eine männliche, vernahm.

„Was liegt denn da?"

„Nichts, bloß ein Pack Lumpen vermutlich."

„Nein, das sieht aus, wie, - hm, ja, wie ein Tier."

„Was interessiert uns das? Lass´ uns weitergehen, es ist arg kalt."

„Nein, warte. Vielleicht ist es verletzt und braucht Hilfe."

„Und wenn schon. Bei dieser Eiseskälte macht´s keiner lang. Du hast´s doch heute morgen selbst aus der Zeitung vorgelesen: In der vergangenen Nacht sind drei Penner erfroren."

„Ich gehe nachsehen."

„Nein, lass´ uns weitergehen!"

Rasche Schritte näherten sich mir, blieben vor mir stehen. Behandschuhte Finger berührten meinen Nacken. Blinzelnd öffnete ich die Augen. Eine dunkelhaarige Frau mittleren Alters mit einer Brille auf der Nase, kniete vor mir und betrachtete mich besorgt.

„Du lebst! Was machst du denn? Es ist doch viel zu kalt, um auf dem Boden zu liegen und zu dösen. Komm´ mit mir!"

Sie machte Anstalten, mich hochzuheben. Ich wimmerte vor Schmerz. Bestürzt begutachtete sie meine Hinterbeine. Plötzlich ging ihr ein Licht auf, was mit mir geschehen war.

„Welches Schwein...." fauchte sie los, wurde jedoch von einem Mann mit blondem Bürstenhaarschnitt und mürrischem Gesichtsausdruck, der neben sie trat, unterbrochen.

„Was machst du da mit der räudigen Straßenkatze?" blaffte er sie an.

Sie warf ihm einen verächtlichen Blick zu, öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, besann sich dann aber, schloss ihn wieder und begnügte sich mit einem grimmigen Lächeln.

Die Frau hob mich so behutsam wie möglich hoch und nahm mich mit unter ihren hellgrauen Mantel. In derlei Situationen gehen einer Katze immer die merkwürdigsten Gedanken durch den Kopf. Ich dachte: „Hoffentlich blute ich nicht irgendwo, damit ich ihr den feinen Mantel nicht verschmutze."

Die Frau schien sich darüber aber keinerlei Gedanken zu machen, sondern brachte mich zu einem Auto. Sie zog ihren Mantel aus und wickelte mich vorsichtig darin ein, dann legte sie mich in einem Einkaufskorb ab. Der Mann stand ungeduldig neben ihr.

„Was gibt´n das, wenn´s fertig is´?"

„Ich fahre zum Tierarzt."

„Was? Wieso das denn?"

„Weil dieses Tier Hilfe braucht."

„Du spinnst wohl, da soll sich der Besitzer drum kümmern. – Weißt du was? Ich denke, du bist nicht ganz dicht mit deiner Tierliebe!"

„Weisst du was?" konterte sie freundlich lächelnd. „Es ist mir scheißegal, was du denkst!"

Sie stieg ohne weiteren Kommentar in das Auto und schlug dem Mann die Tür vor der Nase zu. Die Frau hatte das Radio eingeschaltet und leise Klavierklänge erfüllten das Wageninnere. Sie sprach mit mir und ich begann zu schnurren, so konnte ich die Schmerzen leichter ertragen.

Nach einiger Zeit parkte sie das Auto und nahm mich mit hinaus. Als wir die Praxisräume betraten, wusste ich wo wir waren. Es riecht in jeder Tierarztpraxis gleich. Da ich ein Notfall war, kam ich gleich dran. Die Ärztin kannte ich nicht, aber sie war eine sehr nette und behutsame Frau. Sie erklärte meiner Retterin, dass ich mehrere Frakturen und Quetschungen hätte und sie gab ehrlich zu, dass sie mir keine allzu großen Überlebenschancen einräumen würde. Daraufhin traten meiner Finderin tatsächlich Tränen in die Augen. Ich war gerührt, stupste leicht ihre Hand an und schnurrte: „Hey, cool bleiben, ich gebe mir Mühe – außerdem sind Katzen zäh." Irgendwie schien es sie tatsächlich zu beruhigen.

Sie nahm die Schmerzmittel mit, die die Ärztin ihr gab und wir fuhren zu ihr nach Hause. Ich war froh, den unsympathischen Mann nicht wiedersehen zu müssen. Die Frau rief zunächst ein paarmal nach ihm, als sie aber bemerkte, dass das Haus leer war, murmelte sie: „Mal wieder in der Kneipe, der Taugenichts."

Sie ließ mich auf dem Sofa zurück, um sich auf den Speicher zu begeben. Ich hörte sie über mir herum räumen und einige Sachen hinunter schleppen. Wenig später kam sie wieder mit einem Kratzbaum, einem geflochtenen Körbchen und einer Katzentoilette. Aha – in diesem Haushalt hatte also schon einmal ein Artgenosse gelebt.

Ich beobachtete ihr Tun ein wenig schläfrig durch halb geschlossene Lider. Das Schmerzmittel begann zu wirken. Sie säuberte das Katzenmobiliar sorgfältig und stellte dann den Kratzbaum in eine helle Ecke am Fenster, das Kistchen ins Badezimmer und das Körbchen richtete sie mit einer hellblauen Fleecedecke neben ihrem Bett her.

An die Zeit meiner Genesung erinnere ich mich noch gut. Sie kümmerte sich sehr liebevoll um mich und nannte mich Kaschmir. Sie stritt sich oft mit dem Mann, der sich als ihr Ehemann entpuppte. Glücklicherweise hatten die Beiden getrennte Schlafräume, sonst hätte ich den noch nachts um mich gehabt! Ich erholte mich gut und bis auf ein leichtes Hinken ahnt man nichts mehr von dem schrecklichen Unfall.

Vor dem Mann musste ich ständig auf der Hut sein. Er nutzte Augenblicke, in denen ich unachtsam war oder wenn Frauchen gerade nicht anwesend war, um mich zu schikanieren. Ich hätte natürlich das Weite suchen können, schließlich war ich ja auch vorher ein freiheitsliebender Kater gewesen, aber ich brachte es Frauchens wegen nicht über´s Herz, einfach zu verschwinden. Oft, wenn sie weinend im Bett saß und mich an sich gedrückt hielt, während Tränen mein Fell benetzten, sprach sie davon, wie froh sie sei, mich gefunden zu haben. Sie sei glücklich, wieder eine Katze im Haus zu haben.

Allein ihretwegen ertrug ich die Knüffe und Tritte ihres Mannes. Mehr und mehr ging ich allerdings dazu über, zu kontern. Ein Tritt seinerseits zog einen kräftigen Biss meinerseits in seine Wade nach sich. Packte er mich unsanft am Genick, um mich auf den Fußboden zu schleudern, zierten tiefe Risse – Spuren meiner Krallen – sein häßliches Gesicht.

Auch versuchte er oft, wenn ich draußen herumgestromert war, mir den Rückzug ins Haus zu versperren. Frauchen wusste aber, dass ich eine treue Seele bin, sie suchte mich und fand mich auch.

Inzwischen war etwas über ein Jahr vergangen und es war Januar. Nachts war es eisig kalt und auch tagsüber zeigte das Thermometer selten mehr als fünf Grad unter Null an. Die Schneedecke, die Häuser, Gärten und Autos überzog, war verharscht und von Dachrinnen und –giebeln hingen mächtige Eiszapfen. Bei diesem Wetter blieb ich lieber in der warmen Stube, die Frau und der Mann ebenso. Bedingt durch die zwangsläufige Zweisamkeit auf engem Raum stritten sie sich noch häufiger als sonst. Auch musste ich mich mehr als zuvor vor dem heimtückischen Mann in Sicherheit bringen.

Eines Tages, ich hatte nicht aufgepasst, hielt er mich plötzlich am Genick gepackt. Hilflos strampelte ich mit den Pfoten in der Luft herum. Er lachte hämisch, schritt zum Fenster und öffnete es.

„Der wird doch wohl nicht ...-!?" schoss es mir durch den Kopf – immerhin befanden wir uns im zweiten Stock.

„Du wirst ja wohl nicht ...-!?!" erscholl da eine Stimme hinter uns. Erschrocken wirbelte der Mann herum.

„Oh, du bist schon wieder zurück?" fragte er. Es klang enttäuscht.

„Ich hatte etwas vergessen. – Was hast du mit Kaschmir vor?"

„Äh, nichts."

„So und weshalb ist dann bei dieser Kälte das Fenster sperrangelweit offen?"

„Äh, zum Lüften."

„Nein," sie lachte bitter auf. „Du wolltest meinen Kleinen aus dem Fenster werfen."

„Nicht doch."

Sie riss mich dem Mann aus der Hand, drückte mich an sich und funkelte ihn wütend an.

„Du hast das einmal gemacht. Glaub´ ja nicht, dass ich dich ein zweites Mal damit durchkommen lasse."

„Hä?" dachte ich. Gespannt spitzte ich die Ohren.

„Liebling, wie oft.... -!?"

„Nenn´ mich nicht so!" brüllte sie ihn an.

„Also gut, wie oft soll ich dir noch sagen, dass das blaue Katzenvieh immer recht leichtsinnig auf dem Fensterbrett herumturnte? War doch nur eine Frage der Zeit, bis sie da runterfallen würde."

„Ha! Lügner! Geschubst hast du Violet, du verlogenes, elendiges...."

Ich erspare Euch den Rest ihrer Tirade, da sie sich ziemlich heftiger Schimpfworte bediente, die sogar meine schwarzen Ohren zum Glühen brachten.