Die Katzengeschichte für den Februar

Auf gute Nachbarschaft...

Teil 2

Simone konnte sich kaum von der Szene lösen, doch langsam wurde ihr trotz der warmen Kleidung kalt und sie beschloss, dass es Zeit war, langsam mit ihren Kätzchen den Heimweg anzutreten.

 Sie trat aus ihrer Deckung heraus und ging auf das Haus zu. Sofort änderte sich dass Mienenspiel ihrer Nachbarin. "Wird aber auch Zeit, dass se kommen. Ihre Viecher lungern vor meiner Haustür rum, wollen bestimmt was zu fressen, bei ihnen gibt’s bestimmt nur fettarmes Trockenfutter und so’n anders Züchterzeug!", fuhr sie Simone an. "Na, das lassen sie mal meine Sorge sein", antwortete Simone gelassen. Sie nahm Melli und Sally hoch und kehrte ihrer Nachbarin den Rücken. "Und seh’n se zu, dass die Biester nich’ wieder abhauen, bin ja schließlich keine Tierpension!", rief diese ihr hinterher, doch noch bevor Simone etwas erwidern konnte, hatte sich die Tür bereits geschlossen. Simone lächelte in sich hinein. Da steckte doch ein weicher Kern in der rauen Schale der Apfelbäuerin, wer hätte das gedacht!

Simone blickte vom Schreibtisch hoch und sah durchs Fenster. Besorgt runzelte sie die Stirn. Die Wolken, die am Horizont aufzogen, sahen eindeutig nach Schnee aus. Damit wäre dann fast die vierte Woche herum, in der es jeden Tag geschneit hatte. Wie gut, dass sie ihren Hofplatz und den Weg zu ihrer Haustür erst heute Morgen vom Schnee befreit hatte und so erst einmal abwarten konnte, wie viel Neuschnee es diesmal geben würde.

Gerade wollte sie sich wieder an ihre Arbeit machen, als sie ein merkwürdiges Geräusch hörte. War das ein Schrei gewesen? Aber wer sollte hier mitten in der Einsamkeit schreien? Da, da war es wieder! Und es war eindeutig ein Schrei! Dort schrie jemand um Hilfe!

Simone sprang auf, warf sich ihre Jacke über und rannte hinaus. Sie orientierte sich kurz und folgte dann dem wiederholten Rufen, das aus Richtung der Apfelplantage zu kommen schien. Kaum dass sie den Zaun überstiegen hatte, sah sie auch schon, was passiert war: An einem der Bäume hing eine halb umgekippte Leiter und darunter lag ihre Nachbarin. Simone eilte zu ihr. Aus der Nähe konnte sie erkennen, dass das Bein der am Boden liegenden in einem unnatürlichen Winkel verrenkt war. Andere Verletzungen sah sie nicht.

"Was ist passiert?", fragte Simone, während sie sich neben die Verletzte hockte. "Ich wollte nachsehen, ob der Baum die Schneelast noch tragen kann. Dabei muss die Leiter abgerutscht sein. Ich hab noch versucht abzuspringen, aber es hat nicht richtig funktioniert. Mein Bein tut höllisch weh. Ich hab schon versucht aufzustehen, es geht aber nicht." Während sie sprach, war die Apfelzüchterin immer blasser geworden. Simone vermutete, dass das Bein gebrochen war. Sie erhob sich. "Warten sie einen Moment. Ich hole Decken und rufe den Krankenwagen. Keine Angst, ich bin sofort wieder bei ihnen!"

Als Simone wenige Minuten später zum Ort des Unfalls zurückkehrte, hatte ihre Nachbarin schon wieder etwas mehr Farbe im Gesicht, so dass nicht mehr zu befürchten stand, dass sie aus Schock oder vor Schmerzen das Bewusstsein verlieren würde. Simone nahm an, dass der Grund dafür ihre beiden kleinen Ausreißer waren, die die Gunst der Stunde genutzt und sich durch die offene Tür gestohlen hatten. Sally hatte sich an die Gestürzte gekuschelt und diese bemühte sich, so gut es ging, der Katze die angeforderten Streicheleinheiten zu verabreichen. Die Ablenkung von den Schmerzen schien ihr sichtlich gutzutun.

Simone half ihrer Nachbarin sich in Decken zu hüllen, um sie vor einer Unterkühlung zu schützen und erntete dafür ein großes Lob von den kurz darauf eintreffenden Sanitätern. Die Verletzte wurde auf eine Trage gelegt und durch den beginnenden Schneefall zum Rettungsfahrzeug getragen. Bevor die Türen des Krankenwagens geschlossen wurden, bestätigte einer der Sanitäter noch Simones Vermutung. Das Bein war auf jeden Fall gebrochen, andere Verletzungen lagen wahrscheinlich nicht vor, das würde jedoch in der Klinik noch genau geprüft werden. Simone bat darum, ihr Bescheid zu geben und versprach eine Tasche für ihre Nachbarin zu packen und diese ins Krankenhaus zu bringen. Dann fuhr der Wagen ab und Simone blickte ihm noch kurz hinterher, bevor sie sich wieder in ihr warmes Haus zurückzog.

Einige Wochen später klingelte Simones Telefon. ""Cornelia hier, von nebenan," meldete sich die gewohnt barsch klingende Stimme, nachdem Simone den Hörer abgenommen hatte. "Hab gedacht, sie könn’n vielleicht mal rüberkommen. Auf’n Kaffee oder so." "Gerne" antwortete Simone überrascht. "Na, dann, bis gleich." Simone wollte gerade noch etwas erwidern, da klickte es in der Leitung und ein Tuten zeigte an, dass Cornelia aufgelegt hatte.

Simone ging den mittlerweile vertrauten Weg zum Nachbargrundstück. Während der Zeit, die Cornelia im Krankenhaus hatte verbringen müssen, war es Simones Aufgabe gewesen, gelegentlich nach dem Rechten zu sehen. Nach Cornelias Entlassung hatte deren Schwester die Haushaltsführung übernommen.

Simone klopfte an die Tür und trat dann ein. Cornelia kam ihr bereits an einer Krücke entgegengehumpelt. "Na, das geht ja schon wieder ganz gut!", stellte Simone zur Begrüßung fest. "Ja, ja, eine Krücke reicht, bin sonst zu unbeweglich. Meine Schwester hab’ ich auch schon rausgeworfen. Bin lieber für mich!"

Die beiden Frauen betraten die geräumige Landküche, in der ein liebevoll hergerichteter Kaffeetisch von Cornelias weicher Seite zeugte. "Ach, bevor ich es vergesse, ich hab ihnen was mitgebracht", schmunzelte Simone und zog zu Cornelias Überraschung Sally, die ein neues blaues Halsband trug, aus einem Körbchen. "Ich glaub, ihr beiden gehört zusammen", sagte Simone und drückte ihrer Nachbarin das Kätzchen in den freien Arm. "Und keine Widerrede", fügte sie noch hinzu, "ich weiß, dass sie Tiere und besonders Sally mögen."

Cornelia zögerte kurz. "Da ha’m se ja recht. So schlimm isses mit mir ja gar nicht. Aber ich steh’ doch sowieso schon ich ihrer Schuld. Ohne sie wär’ ich ziemlich jämmerlich erfroren. Und nu’ auch noch das. Also ich brauch jetzt ‘n Schnaps - und sie?" Behutsam setzte sie Sally ab und hinkte zu einem großen Bauernschrank. "Selbstgemachter Apfel-Likör. So was krieg’n se nur hier." Sie füllte zwei Gläser und reichte eins an Simone weiter. "Also, nu’ lassen wir das mal mit dem blöden ‘Sie’ und trinken mal einen!" "Auf gute Nachbarschaft!", fügte Simone hinzu.

Ende

© Britta Martens 2006