Die Kurzgeschichte für den März

Grauchen

Teil 1

Grauchen und Monika hatten eine geistige Verbindung. Wir alle in der Straße hatten das für ein Märchen gehalten, bis zu diesem einen Tag im Frühjahr 1951. 

Ich lebte damals mit meinen Eltern in einem kleinen Haus in einem Vorort von Bremen. Wir hatten Glück, denn unseres zählte zu den wenigen Häusern, die im Krieg kaum einen Kratzer abbekommen hatten. Das Haus schräg gegenüber hatte nicht so viel Glück gehabt; von dem Mehrfamilienhaus waren gerade noch zwei Wohnungen so intakt, dass man in ihnen leben konnte. Unten links wohnte die alte Frau Schröder mit ihrer Katze Grauchen, darüber die Witwe Baier mit ihrer zehnjährigen Tochter Monika.
Ich selbst war damals 14 und ging auf ein städtisches Gymnasium. Zu diesen Zeiten war das mit viel Aufwand verbunden, denn die Bus- und Zugverbindungen funktionierten noch nicht immer regelmäßig. So war ich die meiste Zeit des Tages nicht zu Hause und hatte wenig mit unseren Nachbarn zu tun. Von meiner Mutter erfuhr ich allerdings jeden Abend die Neuigkeiten aus unserer Straße, pflegte sie doch mit allen Bewohnern regen Kontakt.
“Die Frau Schröder hat den Krieg nicht verkraftet, spricht nur noch mit ihrer Katze. Die arme Frau!”, sagte meine Mutter häufig. Es schien sie wirklich mitzunehmen. Vor dem Krieg war Frau Schröder eine mütterliche Freundin für meine Mutter gewesen und auch noch zu Beginn des sechs Jahre währenden Schreckens hatten sich die beiden Frauen immer gegenseitig beigestanden. Dann jedoch erreichte Frau Schröder eines Tages die Nachricht, dass ihre einzige Tochter, die mit ihrer eigenen kleinen Familie im Innenstadtbereich Bremens lebte, die gerade vergangene Bombennacht nicht überlebt hatte. Das Haus hatte einen Volltreffer abbekommen; es gab keine Überlebenden. Von da ab an hatte Frau Schröder aufgehört zu sprechen. Eine Ausnahme machte sie nur für ihre Katze.
Auch mit Frau Baier war meine Mutter befreundet. Die beiden Frauen trafen sich nicht nur regelmäßig am Gartenzaun, sondern luden sich auch gegenseitig zum Kaffee ein, sobald eine von beiden ein wenig von dem damals seltenen braunen Pulver ergattern konnte. Wenn sich die beiden drüben bei den Baiers getroffen hatten, konnte meine Mutter abends häufig die abenteuerlichsten Geschichten von Monika berichten.
Immer wenn es nach dem Abendbrot hieß ‘Ich war heute bei Ilse Baier’, brühte mein Vater noch einmal Tee auf und dann warteten wir gespannt, was Monika diesmal wieder zu erzählen gehabt hatte. Die meisten Geschichten waren harmlose Erlebnisse, Geschichten aus Katzenaugen, die wir der blühenden Phantasie und der erzählerischen Begabung Monikas zuschrieben.

Nur eine Geschichte fiel aus diesem Rahmen heraus: Meine Mutter saß wieder einmal in Baiers Küche, als Monika hereinstürmte, blass und offensichtlich verstört. “Du”, sagte sie mit großen Augen zu ihrer Mutter, “die Frau Schröder möchte sich eigentlich jeden Tag umbringen, sie hat nur Angst vor dem Teufel!” Frau Baier und meine Mutter tauschten einen schnellen Blick. “Wie kommst du denn darauf?”, fragte Frau Baier mit leicht strengem Unterton in der Stimme. “Na, Grauchen hat’s mir verraten! Die Frau Schröder erzählt ihr das immer. Fast jeden Abend. Erst gestern hat sie das Grauchen wieder fest in den Arm genommen und ihr ins Ohr geflüstert: ‘Wenn du mal nicht mehr bist, dann hab’ ich auch keine Angst mehr vor dem Teufel. Dann geh ich zu meiner Ilka und wenn ich dafür tausend Jahre im Fegefeuer schmoren muss!’” Sie zögerte. “Mama,” fragte sie dann. “was genau ist eigentlich das Fegefeuer?”
“Die Katholiken glauben, dass ihre Seele im Fegefeuer von einigen Sünden geläutert werden kann”, erklärte Frau Baier geistesabwesend. “Aber Kind,” fügte sie nach kurzem Nachdenken hinzu, “wenn du nicht einmal weißt, was das Fegefeuer ist, wie kannst du dir das denn ausdenken?” “Ich hab mir das doch gar nicht ausgedacht!”, erklärte Monika empört. “Das hat mir doch Grauchen erzählt. Wieso glaubst du mir das denn nicht?” “Weil man mit Tieren nicht sprechen kann!”, wies Frau Baier ihre Tochter zurecht. “Aber Grauchen und ich können wohl reden - im Geiste!” Monika blickte Frau Baier und meine Mutter mit flehender Miene an, doch keine der beiden Frauen konnte sich dazu durchringen, dem Mädchen Glauben zu schenken. “Ihr seid so gemein!” schrie Monika daraufhin, stürmte aus der Küche und knallte die Tür hinter sich derart heftig zu, dass der Putz von der Decke rieselte.
Frau Baier wollte aufspringen und ihre Tochter zur Raison bringen, doch meine Mutter hielt sie zurück. “Lass doch, Ilse”, sagt sie, “wir waren wirklich nicht gerade verständnisvoll...” “Ich kann es auch bald nicht mehr hören”, seufzte Frau Baier resigniert, “immer dieses Gerede von der Katze... Und dann steht sie noch stundenlang vor dem Fenster und erzählt dem Tier irgendwas. Was da wohl schon die Nachbarn denken?” Meine Mutter verriet ihrer Freundin nicht, dass tatsächlich bereits Gerüchte um Monikas Geisteszustand die Runde machten. “Das geht bald vorbei. Ist bestimmt nur eine Phase”, versuchte sie stattdessen zu trösten.

“Aber merkwürdig ist das doch schon, oder etwa nicht?”, fragte ich am Abend, als meine Mutter uns diese neueste Episode erzählte. “Ich meine, wie kann denn Monika vom Fegefeuer erzählen, wenn sie keine Ahnung vom katholischen Glauben hat?” Meine Eltern sahen mich tadelnd an. “Nun fang du nicht auch noch mit dem Unsinn an!”, sagte mein Vater streng. “Es reicht, wenn eine hier in der Straße nicht richtig tickt. Vielleicht sollten wir besser kontrollieren, was du liest, dieser Gruselschund vernebelt dir noch das Gehirn!”, knurrte er weiter. “Nein, nein, ist ja schon gut. War ja nur so eine Idee!”, machte ich schnell einen Rückzieher, denn auf keinen Fall wollte ich, dass meine Eltern meine mühsam ertauschte Edgar Allan Poe-Sammlung konfiszierten.
Trotzdem fand ich Monikas Verhalten mehr als merkwürdig. Später im Bett hielt ich meine Gedanken dazu in meinem Tagebuch fest, da jedoch in der nächsten Zeit nichts Nennenswertes passierte, verblasste der Vorfall wieder - bis zu besagtem Tag im Frühjahr 1951, ungefähr ein halbes Jahr später.


Ich hatte mir eine Frühjahrserkältung zugezogen und meine Mutter ließ mich nicht den beschwerlichen Weg zur Schule machen. “Der eine Tag wird dir nicht schaden!”, sagte sie. “Außerdem ist heute Freitag. Setz dich man in den Sessel und lies was! Wirst sehen, am Montag bist du wieder frisch und munter!” Ich wäre zwar gerne zur Schule gegangen, denn ich hatte den unbedingten Ehrgeiz ein gutes Abitur zu machen, aber nach anfänglichem Murren fand ich die Idee, mich behaglich in den großen Sessel zu kuscheln, doch sehr angenehm. - Vor allem nachdem meine Mutter von ihrem vormittäglichen Einkauf zurückkam und mir zwei Groschenheftchen in die Hand drückte. Sie strich mir über den Kopf, zwinkerte mir zu. “Sag’s nicht dem Papa, dass die von mir sind!” Dann ging sie in die Küche. Begeistert legte ich mein Strickzeug weg und besah mir die Heftchen. Sollte ich mit Geisterschlösser Teil 25 oder Prinzessinnen vergangener Jahrhunderte Band 17 beginnen? Ich entschied mich für die Liebesgeschichte und vertiefte mich sofort darin.
Erst eine Stunde später sah ich zum ersten Mal wieder auf und blickte aus dem Fenster. In dem Moment sah ich Monika mit fliegenden Zöpfen die Straße hinunterrennen. Mit besorgtem Gesichtsausdruck schoss sie durch die Gartenpforte ins Haus hinein. Ich wunderte mich. Monika war eine ebenso eifrige Schülerin wie ich. Warum also kam sie schon um halb zwölf aus der Schule gerannt? Und noch dazu ohne Schulranzen? Ob Frau Baier etwas passiert war? Ich rief nach meiner Mutter und erzählte ihr, was ich eben beobachtet hatte. Sie band ihr Schürze ab. “Ich werd’ mal rübergehen und nachsehen, was los ist”, beschloss sie und kurz darauf sah ich sie das Nachbarhaus betreten.
Längere Zeit passierte gar nichts und ich wollte mich schon wieder meinem Heftchen zuwenden, als ich die quäkende Sirene eines Krankenwagens hörte. Er kam die Straße herunter und hielt direkt vor dem Nachbarhaus. Zwei Männer stiegen aus und eilten ins Haus hinein. Einer von ihnen hatte eine große Tasche bei sich. ‘Das muss der Notarzt sein’, dachte ich mir.
Dann verging wieder eine lange Zeit. Vielleicht war es auch nur eine halbe Stunde oder sogar weniger, mir jedoch kam es wie eine Ewigkeit vor. Langsam machte ich mir wirklich Sorgen! Nicht dass Frau Baier etwas zugestoßen war!
Als dann irgendwann ein weiteres Fahrzeug vorgefahren kam, verstärkten sich meine Sorgen noch um ein Vielfaches, denn bei der schwarzen Limousine mit dem kastenartigen Aufbau handelte es sich definitiv um einen Leichenwagen! Gebannt starrte ich aus dem Fenster, doch es war nicht möglich, irgendetwas zu erkennen. Die Männer trugen einen Metallsarg hinein und wenig später wieder hinaus. Der Sarg war natürlich geschlossen, sodass ich keine Möglichkeit hatte zu erkennen, welcher Unglückliche dort drin lag. Etwa wirklich Frau Baier? Oder die alte Frau Schröder? Oder gar Monika? Ich hatte keine andere Wahl, ich musste auf die Rückkehr meiner Mutter warten.
Der Leichenwagen fuhr ab, wenig später auch der Krankenwagen, doch noch immer keine Spur von meiner Mutter. Irgendwann beschloss ich frustriert das Warten mit Handarbeit zu überbrücken. Ans Lesen brauchte ich gar nicht zu denken, dazu war ich viel zu aufgekratzt.