Der Katzen Krimi für den April

Vernehmungen

Teil 2

 

Kurz darauf klingelte sie bei Frau Linke. Die alte Dame öffnete ihr. Sie trug eine geblümte Kittelschürze und war offenbar dabei, Kartoffeln zu schälen.

„Ach, die Frau Kommissarin, kommen Sie doch herein."

Christina kam der Aufforderung nach und folgte der Dame durch den Flur in deren Küche. Sie nahm auf einem der Schemel Platz und beobachtete die Frau, die fortfuhr, ihre Kartoffeln zu schälen.

„Sagen Sie, Frau Linke, könnten Sie mir bitte nochmals ganz genau und ausführlich beschreiben, was Sie gestern abend gesehen und gehört haben?" fragte Christina freundlich.

„Aber das habe ich Ihnen doch heute morgen schon erzählt. Na gut." Es war ihr deutlich anzusehen, dass sie sich über die ihr plötzlich entgegen gebrachte Aufmerksamkeit freute.

„Ich wollte es mir gerade mit einem neuen Roman von Rosamunde Pilcher auf meinem Sofa bequem machen, da hörte ich, wie in der Wohnung über mir geklingelt wurde. Die Haustürklingeln sind sehr laut, wissen Sie? Dann klickte und knackte es, als ob die Sprechanlage anginge und kurz darauf ertönte der Summer. Ich war neugierig und ging an meine Tür, um durch den Spion zu gucken. Der Herr Kortmann ging die Treppen rauf."

„Sind Sie ganz sicher, dass es Herr Kortmann war?" hakte die Kriminalbeamtin freundlich nach.

„Na sicher, das ist ein fescher junger Mann, so schöne dunkle Locken und immer schick angezogen."

„Was trug er denn, können Sie sich daran erinnern?"

„Einen dunklen Anzug, weiß aber nicht, ob grau oder schwarz oder blau, irgendwas Dunkles halt. Und ein weißes Hemd."

„Das konnten Sie alles bei dem kurzen Blick durch den Spion sehen?" Leiser Zweifel schwang in Christinas Stimme mit.

„Naja, er war nur kurz oben und als er wieder runter kam, habe ich noch mal geguckt."

„Wieder durch den Türspion?"

„Nein, am Fenster."

„Ist er mit dem Auto weggefahren?"

„Nein, das hat mich auch etwas gewundert, er ist zu Fuß die Straße runtergelaufen."

„Haben Sie manchmal mit Herrn Kortmann gesprochen, wenn er seine Tante besucht hat?"

„Ja, natürlich, das ist ein ganz lieber Kerl. Gibt es heutzutage nicht mehr oft, dass sich jemand so reizend um einen älteren Familienangehörigen kümmert." Sie schüttelte den Kopf und starrte betrübt zu den Fotos an der Wand, die offensichtlich ihre Enkel zeigten.

Christina fuhr mit der Befragung fort.

„Sie hörten Herrn Kortmann also die Treppe raufgehen, und dann?"

„Tja, dann öffnete die Ingrid oben die Tür und dann hörte ich seine Absätze über den gekachelten Flur klappern."

„Konnten Sie noch mehr hören?"

„Nein." Frau Linke dachte angestrengt nach. „Aber ich erinnere mich, dass ich dachte, der arme Herr Kortmann ist ja schon wieder erkältet. Er hatte im Februar erst die Grippe wissen Sie, und gestern nieste er mehrmals lauthals. In diesen Wohnungen hören Sie alles. Ob sie wollen oder nicht." erklärte sie.

Christina nickte, um ihr zu zeigen, dass sie verstanden hatte und sie nicht des Lauschens verdächtigte.

Als sie alle ihre Fragen gestellt hatte, überraschte sie Frau Linke ihrerseits mit einer Frage.

„Was wird nun aus Gretchen?"

„Gretchen?" Christina blickte Frau Linke verständnislos an. Gab es am Ende doch noch weitere Verwandte?

„Na, die Katze."

„Ach, eine Katze? Frau Wagenführ hatte eine Katze?"

„Ja, natürlich, das Gretchen. Eine ganz hübsche, echte Perserkatze ist das. Treu wie Gold. Allerdings Fremden gegenüber äußerst schwierig. Wehe jemand kommt ihrem Frauchen zu nah, dann geht sie mit ausgefahrenen Krallen auf den Fremden los."

Christina notierte sich im Geiste, dass sie unbedingt die Spurensicherung auf diese Katze ansprechen musste.

„Tja, äh, ich weiß nicht. Bestimmt haben meine Kollegen sich darum gekümmert und veranlasst, dass das Tier in ein Heim kommt," erwiderte sie vorsichtig.

„Ha, die lässt sich bestimmt nicht in ein Heim bringen. Sie ist sehr temperamentvoll." Frau Linke schmunzelte.

„Na ja, vermutlich wird der Herr Kortmann sie mitneh-..." sie stockte. Anscheinend war ihr eingefallen, dass es in Gefängniszellen nicht üblich war, Haustiere zu halten.

Das Schweigen begann unangenehm zu werden.

Tja, also ich werde dann mal wieder gehen. Wenn Ihnen noch etwas einfällt, rufen Sie mich ruhig an." Christina ließ ihre Karte auf den Küchentisch fallen.

„Und wegen Gretchen frage ich mal meine Kollegen. Würden Sie denn die Katze evtl. bei sich aufnehmen?"

Frau Linke sah überrascht von der Karte, die sie betrachtet hatte, auf. „Ja, gerne!"

„Gut!" Christina verabschiedete sich und fuhr nachdenklich ins Revier zurück.

 

+++

 

Die Kollegen bestätigten ihr, dass sie besagte Perserkatze von einem Mitarbeiter des hiesigen Tierheims hatten abholen lassen und Christina beschloss, dort vorbeizufahren, um die Katze Frau Linke zu bringen.

Kurz darauf saß sie im Zimmer ihres Vorgesetzten und informierte ihn über das Gespräch. Sie überlegte, ob sie ihm den ihr neu aufgekeimten Verdacht auch schon darlegen sollte, entschied sich dann aber dagegen.

„Ist der Bruder von Martin Kortmann noch hier?" fragte sie ihren Chef.

„Ja, aber nicht mehr lange. Wir können ihn nicht ewig ohne begründeten Verdacht festhalten."

„Kann ich mit ihm reden?"

„Wenn Sie möchten." Der Kommissar nickte gnädig und deutete Richtung Tür. Sie war entlassen.

Christina begab sich in das Verhörzimmer, in dem Manuel Kortmann wartete.

Überrascht blickte er die Kommissarin an. "Hallo-ho!" er grinste ihr entgegen und entblößte eine Reihe nikotinverfärbter Zähne.

„Guten Tag, Herr Kortmann," begrüßte ihn Christina kühl, bevor sie ihn ins Kreuzverhör nahm.

 

+++

 

Eine Stunde später betrat Christina den Verhörraum, in dem Martin Kortmann noch immer schmorte. Sie nahm auch ihn nochmals ins Verhör.

Als sie an der Tür war, um zu gehen, fiel ihr auf, dass Herr Kortmann an seinen Sportschuhen, ein sündhaft teures Markenmodell für Läufer, herumnestelte.

„Joggen Sie auch?" fragte sie ihn beiläufig.

„Ja," er sah überrascht auf. " Es gibt nichts Besseres, um sich fit zu halten. Ich hoffe, ich bin hier bald draußen, ich muss mich bewegen."

„Ja, geht mir nach Feierabend auch immer so. Die sehen übrigens richtig cool aus, wenn ich das mal sagen darf!"

Martin lächelte.

„Ich habe - ähnlich wie viele Frauen - einen Schuhtick. Allerdings sammle ich Laufschuhe."

„Wie viele besitzen Sie denn?" erkundigte Christina sich interessiert.

„43 Paare."

Er blickte sie mit entschuldigender Miene an.

„Oh, können Sie die denn alle tragen?"

„Ich trage nie andere Schuhe."

„Aber, wenn Sie in einem Anzug herumlaufen, dann doch sicherlich?"

„Es gibt inzwischen auch edle, schwarze Sportschuhe, die lassen sich sogar zum Nadelstreifenanzug sehen."

Um Christinas Mundwinkel spielte ein Lächeln, als sie sich zum Zimmer ihres Vorgesetzten begab, um ihm den Mörder der Ingrid Wagenführ zu präsentieren.

 

+++

 

Manuel und Martin Kortmann standen sich erstmals nach vielen Jahren gegenüber. Sie musterten sich kurz mit abfälligen Mienen und wandten ihre Aufmerksamkeit dann wieder den beiden Kriminalbeamten zu.

„So, meine Herren, würden Sie dann bitte mal Ihre Jackets ausziehen?" fragte der Kommissar freundlich.

„Wie bitte?"

„Was?"

Die beiden Verdächtigen blickten den Kommissar verwundert an.

„Na, nun bitte meine Herren, Sie haben doch gehört, was der Kommissar gesagt hat." Christina machte aufmunternde Handbewegungen.

Die Beiden legten Ihre Jackets ab.

„Bitte einmal drehen."

Die Männer drehten sich um und standen nun mit den Rücken zu den Kriminalisten.

Christina sah ihren Chef vielsagend an, der nickte.

„Und nun bitte die Hemden!"

Manuel hub zu einer Frage an, aber der Kommissar bedeutete ihm zu schweigen und einfach sein Hemd auszuziehen.

Manuel trug nichts unter seinem Hemd, Martin ein weißes Sportfunktionsunterhemd, welches er ebenfalls ausziehen musste. Schließlich standen die Beiden mit entblößten Oberkörpern im Zimmer.

„Schön gemacht, meine Herren, und nun drehen Sie sich bitte noch einmal um."

Sie taten, wie ihnen geheißen.

Der Kommissar schlenderte um die Verdächtigen herum und baute sich vor Manuel Kortmann auf.

„Ich verhafte Sie wegen des begründeten Verdachts der Ermordung Ihrer Tante Ingrid Wagenführ."

Es folgte die Belehrung, die Manuel jedoch nicht richtig wahrnahm, weil er stotternd dem Kommissar dazwischenfuhr und zu wissen begehrte, weshalb man ihn verhafte.

„Sie sind in den roten Zahlen, abgebrannt, nennt man so was in Ihren Kreisen auch und brauchen dringend eine Finanzspritze. Was liegt da näher, als sich einer alten Tante zu entledigen, von der Ihnen durch reichlich Nachforschung bekannt ist, dass sie Sie und Ihren Bruder testamentarisch als Alleinerben eingesetzt hat."

„Ach ja, und wie soll ich das bitte gemacht haben?" Manuel stellte nun wieder seine lässige Art zur Schau.

„Sie wussten, dass Sie herzkrank ist und Ihnen war bekannt, dass Sie dagegen Digitalis einnahm. Also haben Sie ihr eine kleine, aber überaus wirkungsvolle Überdosis verabreicht."

„Blödsinn, ich habe keinerlei Ahnung von Medizin."

„Oh doch, als Journalist sind Sie mit ausgiebiger Recherchearbeit vertraut."

„Ich war seit Jahren nicht mehr hier, ich kann mich nicht mal mehr erinnern, wie die alte Schachtel ausschaut."

„Sie waren hier. Zwar bestätigt ihre Freundin ihr Alibi, aber gegen ihre Aussage sprechen die zweier Kollegen von Ihnen, die besagen, Sie seien immer wieder für einige Tage hier runter gefahren. Für einen Artikel, wie Sie ihnen versicherten. Auch vorgestern seien Sie fortgefahren. Das bestätigt auch ein Nachbar in Ihrem Haus. Ihre feine Freundin werden wir uns dann wegen Falschaussage noch vorknöpfen müssen."

„Ha! Sie haben aber eine Zeugin, die bestätigt, meinen feinen Bruder im Treppenhaus gesehen zu haben, das haben Sie selbst im Verhör gesagt!" mit triumphierender Miene und verschränkten Armen betrachtete Manuel die beiden Kriminalbeamten.

„Es ist richtig, dass Frau Linke das bestätigt hat. Es ist absolut verständlich, dass Sie davon ausging, Martin die Treppe hoch zu Ihrer Tante und die Wohnung auch wieder verlassen gesehen zu haben, schließlich trugen Sie, Herr Manuel Kortmann, bis heute morgen noch ebenso lange lockige Haare wie Ihr Bruder. Das haben uns Ihre Kollegen bestätigt. Ihre Freundin zeigte sich übrigens recht entsetzt, als wir ihr ein Foto Ihres neuen Looks unter die Nase hielten!" Christina lächelte ihn betont freundlich an.

Manuels Blick verfinsterte sich.

„Na fein, wo wir ihn schon mal soweit haben, machen wir doch gleich weiter," dachte sich Christina und fuhr fort: „Frau Linke kam es spanisch vor, dass Sie, Martin Kortmann, zu Fuß gekommen sein sollten. Sie fuhren immer mit Ihrem Wagen, in letzter Zeit mit Ihrer neuen Maschine, vor. Auch trugen Sie immer Sportschuhe und man hörte Ihre Schritte weder im Treppenhaus, noch im Flur über der Wohnung von Frau Linke."

„Wie wir inzwischen auch wissen," schaltete sich nun der Kommissar ein, „haben Sie," er nickte Richtung Manuel Kortmann, "diverse Allergien, u. a. eine recht ausgeprägte Tierhaarallergie, die sich natürlich besonders bei Langhaarkatzen bemerkbar macht."

„Das erklärt das laute Niesen, das Frau Linke vernahm. Ihr Bruder, der nahezu täglich bei Ihrer Tante weilte, hat keine Allergie. Sonst wären die häufigen Besuche sicherlich strapaziös gewesen."

„Tja, und wie Ihr Rücken beweist," der Kommissar lief um Manuel Kortmann herum, und deutete auf die Kratzspuren, die quer über dessen Rücken verliefen, "war Gretchen äußerst verärgert über Ihren Besuch und die Tatsache, dass Sie ihrem Frauchen Schaden zufügten. Ihr Hemd", er hob das Hemd von Manuel hoch und zeigte den Umstehenden die Blutstropfen, die durch den Stoff gedrungen waren, „können Sie dann auch gleich wegwerfen."

Manuel gab ein verächtliches Geräusch von sich: „Dieses elendige Katzenvieh. Ich mag keine Katzen!"

Christina erhob sich und während Sie Manuel Handschellen anlegte, säuselte sie ihm ins Ohr: „Und ich mag keine Menschen, die keine Katzen mögen."

 

 

Wenige Tage später stand Christina mit einem Weidenkorb am Arm vor Frau Linke.

„Guten Tag Frau Linke. Sie wollten sich doch um Gretchen kümmern?"

Frau Linke betrachtete den Inhalt des Transportkorbs. Ein paar honigfarbene Katzenaugen glitzerten ihr entgegen.

„Gretchen, komm´ her mein Mädchen." Sie nahm die hübsche Perserkatze auf den Arm, die sich die Streicheleinheiten der alten Frau gerne gefallen ließ.

„Darf ich Sie wirklich behalten?" fragte die Frau.

Christina nickte.

„Ist es, weil der Herr Kortmann ins Gefängnis muss?"

„Ein Herr Kortmann muss ins Gefängnis, ja, aber nicht der Ihnen bekannte Herr Kortmann." Sie erklärte ihr kurz, dass Martins Zwillingsbruder unter dringendem Mordverdacht verhaftet worden war.

„... tja, und Gretchen hier," Christina kraulte die schnurrende Katze hinter den Ohren, „hat entscheidend bei der polizeilichen Ermittlungsarbeit mitgeholfen."

Der Blick aus den halb geschlossenen, honigfarbenen Augen schien zu sagen: „Ich weiß."

 

Ende

 

 

© Tanja Schwark 2007