Eddie

Teil 2

Katzen Kurzgeschichte für den September 2007

Candor fühlte sich nach Klaras schnellem Abgang sehr verloren. Er hatte noch immer keine Ahnung, wer er war und wohin er gehörte. Traurig schlich er durch den Park. Auf einmal schien ihm eine Stelle bekannt vorzukommen. Ohne groß darüber nachzudenken, sprang er auf die Parkmauer und schaute sich um. Nein, so wirklich bekannt war ihm die Gegend nicht, aber irgendein Gefühl tief in ihm drin sagte ihm, dass er sich eigentlich an die Straße, die vor ihm lag, erinnern müsste. Da er nicht wusste, was er sonst hätte machen sollen, sprang er kurz entschlossen von der Mauer und folgte dem Straßenverlauf.

Genau wie vorhin, als er die Mauer entdeckt hatte, verspürte er bei einer bestimmten Gartenpforte ein Gefühl von Vertrautheit. Er zögerte auch diesmal nicht lange, sondern quetschte sich unter den Latten hindurch und gelangte in einen gemütlichen kleinen Garten. Er sah ein Paar Menschen auf der Terrasse sitzen, ein weiterer stand an einem dampfenden Grill. Der Mann drehte sich plötzlich um. „Eddie!", rief er erfreut, „wo bist Du denn gewesen? Wir haben schon angefangen, uns Sorgen zu machen!" Eddie? War das nicht der Name, der ihm vorhin in den Sinn gekommen war, als Klara ihn nach seinem Namen gefragt hatte? War er tatsächlich Eddie?

Vorsichtig lief er auf den Mann zu, schnupperte an der Hand, die ihm hingehalten wurde und rieb zufrieden seinen Kopf daran, als er feststellte, dass der Geruch ihm tatsächlich vertraut war. Er beschloss erst einmal ein Nickerchen zu machen. Vielleicht würde dann ja auch sein Gedächtnis zurückkehren.

 

Als er aufwachte, fragte er sich zunächst, was ihn wohl geweckt habe und stellte dann fest, dass es der Mensch, der wohl sein Herrchen war, gewesen sein musste. Er räumte offenbar die Reste des Grill-Abends zusammen. Dabei rutschte ein Kotelettknochen von einem der Teller zu Boden. Kotelettknochen – davon hatte Klara gesprochen! Eddie witterte seine Chance, sprintete zur Terrasse, setzte zum Sprung auf den Knochen an – und musste feststellen, dass die Größe seines Mauls in keiner Weise zu dem Knochen passte. Der Mensch kam zurück. „Aber Eddie, was machst Du denn da? Das ist doch nichts für Dich? Hast Du Hunger? Na, dann komm mal her." Eddie fühlte sich gepackt und hochgehoben, unterließ es jedoch, sich seinen Schrecken anmerken zu lassen. Vielleicht war das ja ganz normal? Als er wieder festen Boden unter den Füßen hatte, stieß seine Nase fast gegen einen gut gefüllten Futternapf. Vorsichtig probierte er. Ja, das war auf jeden Fall etwas Vertrautes. Er setzte sich zurecht und begann genüsslich zu fressen. Fisch schmeckte tatsächlich viel besser als der Kotelettknochen. Was Klara nur damit hatte?

 

Als Eddie am nächsten Morgen aufstand, verspürte er ein kätzisches Bedürfnis. Wenn er sich doch nur erinnern würde, wo er da hinmusste! Er war froh, dass er sein Herrchen in der Küche rumoren hörte und folgte den Geräuschen. Klara hatte doch etwas von mehrfachen Spaziergängen gesagt! Ja, das musste es sein, er musste nur sein Herrchen darauf aufmerksam machen, dass er hinauswolle, dann würde er zu einem Spaziergang geführt werden, währenddessen er sich einmal kurz in die Büsche absetzen konnte. Er maunzte laut. „Na, Eddie, was ist los?", begrüßte ihn Rodney. Eddie lief zur Haustür und zurück in die Küche. Das schien ihm ein adäquater Weg zu sein, um sein Bedürfnis zu vermitteln. Als sein Herrchen jedoch nur verstört guckte, wiederholte er den Vorgang einfach: Maunzen, zu Herrchen hochblicken und dann zur Haustür rennen. „Also wenn Du ein Hund wärst, würde ich vermuten, Du müsstest mal dringend raus, aber Du hast doch ein Katzenklo! Weißt Du nicht mehr, wo das ist? Es war auch gemein von uns, einfach den Standort zu verändern!" Rodney und Christiane hatten kurz vorher den Standort des Katzenklos vom Flur ins Gästebad verlegt. Sie fanden, auch Eddie habe ein Recht darauf, ein Badezimmer zu benutzen.

Eddie wurde also erneut gepackt und als seine Pfoten diesmal den Boden berührten, fühlte er vertrautes Streu unter sich. Der Sinn der geräumigen Plastikschale war Eddie sofort klar und er war froh, dass sein Herrchen taktvoll den Raum verließ.

 

Später am Tag hörte er seine Menschen mit dem Haustürschlüssel klimpern und schoss in den Flur. Vielleicht würde er ja doch noch zu seinem Spaziergang kommen? Rodney blickte Christiane viel sagend an. ‚Siehst Du, der ist nicht mehr normal!’, schien sein Blick zu sagen. Laut sprach er jedoch: „Nein Eddie, Du kannst nicht mit. Einkaufen ist nichts für Dich. Du kannst doch in den Garten, das magst Du doch." Und schon waren die beiden Menschen verschwunden.

Missmutig tappste Eddie durch den Garten, als neben ihm ein unbekannter Kater auftauchte. „Hallo Candor", sagte er. Eddie drehte sich suchend um. Er sah niemanden, der Candor heißen könnte. „Bist Du noch sauer wegen gestern? Tut mir leid, ich bin nun mal nicht mehr so sportlich!" Gestern? Was sollte das Ganze? „Entschuldigung, aber ich habe keine Ahnung, wer Sie sind und einen Candor gibt es hier auch nicht. Mein Name ist Eddie und ich wohne hier!" „Aber das gibt’s doch nicht! Eddie ist doch nur der Name, den Deine Menschen Dir gegeben haben. Natürlich bist Du Candor. Candor II! Und ich bin Dein alter Kumpel Aurelius!" „Ich kenne keinen mit dem Namen Aurelius und ich bin bestimmt nicht Ihr Candor II oder III oder wer auch immer! Und nun entschuldigen Sie mich. Meine Menschen werden bald zurück sein und als guter Dackel, ich meine Kater, werde ich sie an der Tür erwarten, wie sie es verdient haben!"

 

Mit diesen Worten schritt Eddie hoch erhobenen Hauptes auf das Haus zu und ließ einen völlig fassungslosen Aurelius zurück. Er blickte Eddie noch eine Zeit hinterher und verzog sich schließlich wieder in sein eigenes Revier, das er beschloss nie wieder zu verlassen. Wenn draußen Dinge lauerten, die das mit einem Kater anstellen konnten, blieb er lieber etwas dicklich aber dafür bei geistiger Gesundheit.

In Hamburg hat nie wieder ein Kater oder eine Katze etwas von Aurelius gehört. – Von Eddie allerdings auch nicht, denn der war von diesem Tag an zu sehr damit beschäftigt, auf seine Menschen zu warten, immer in der Hoffnung, dass sie ein wenig Zeit für ‚wirf das Spielzeug’ erübrigen konnten. Und zu einem Spaziergang würde er Herrchen irgendwann auch noch überreden können, er musste nur beharrlich bleiben!

Ende

© Britta Martens 2007