Die Katzengeschichte für den Mai:

Suchaktionen

 

Es ist schon furchtbar, wenn Frauchen was verlegt hat...

Zuerst wird das Wohnzimmer komplett auf den Kopf gestellt und es ist schon interessant, ihr dabei zuzusehen. Da wird das Sofa völlig abgeräumt und angehoben, um einen Blick darunter zu werfen. Das Sideboard wird weggerückt und dahinter geschaut. In den Hohlraum unter dem Buffet wird mit einer Taschenlampe geleuchtet und dabei gemurmelt: „Wahrscheinlich hat es die Katze wieder hier drunter befördert."

Einige Bonbonpapierchen, Kugelschreiber, Feuerzeuge und Staubflusen, die zum Vorschein gekommen sind später, sieht sie ein, dass ich zwar vieles, aber eben doch nicht alles, „wegräume".

Mühsam rappelt sich Frauchen wieder hoch und ächzt dabei, dass ihr nun wieder der Rücken weh tut. Ich weiß nicht, wie oft ich versuche, sie mit meinem ausgiebigen Streching nach jedem kleinen Nickerchen zum Mitmachen zu animieren, aber bisher leider keinen Erfolg verbuchen konnte. Lieber wird weiter herumgejammert, dass es mit dem Alter, und dem Rücken insbesondere, „ein Kreuz sei". Was soll ich da sagen? Ich bin ein acht Jahre alter stattlicher Kater mit cognacfarbenem Fell (und bin nur ein ganz klein wenig darauf eingebildet...).

Doch zurück zu den Aktivitäten meiner Mitbewohnerin. Sie blickt mit gerunzelter Stirn im Wohnzimmer umher und überlegt, wo sie noch suchen könnte. Ich überlege unterdessen, was sie suchen könnte.

Einer plötzlichen Eingebung folgend, stöbert sie den Zeitschriftenständer durch und als sie auch dort nicht fündig wird, scheint sie dies auf die Idee zu bringen, an die Kiste mit dem Altpapier zu eilen. Begeistert stürze ich mich gleich mit ins Altpapier – ich mag den Geruch von Druckerschwärze und das Geräusch von raschelndem Zeitungspapier. Frauchen scheint meine Begeisterung nicht zu teilen, jedenfalls betont sie, allein weiter suchen zu wollen. Bitte! Ich schleiche in die Küche, um ein wenig Trockenfutter zu naschen. Im Flur raschelt´s weiter verführerisch vor sich hin.

„Vielleicht hab´ ich´s mit ins Schlafzimmer genommen?"

Ach ja, jetzt wird´s wieder interessant. Ich folge Frauchen.

Während sie im Bett, darunter, zwischen den Matratzen und den Nachttischchen sucht, mache ich es mir auf ihrer Bettdecke bequem. Nachdem sie erfolglos den Wäschekorb mit der Bügelwäsche durchstöbert hat, begibt sie sich in die Küche, um dort ihre Suche fortzusetzen.

Ich widme mich weiter meiner Körperpflege – denn mein cognacfarbenes Fell soll schließlich weiterhin so hübsch bleiben, das erhöht das Interesse bei den Nachbarmädels ungemein.

Den gemurmelten Flüchen, die nun aus dem Flur ertönen, kann ich entnehmen, dass mein Frauchen noch immer nicht gefunden hat, was sie sucht. Ach ja, Ordnung ist das halbe Leben...

Ich gähne herzhaft und rolle mich dann gemütlich zusammen. Die Sonne scheint durch die hellen Vorhänge direkt auf meinen Rücken und das mag ich. Ab und an höre ich es im Wohnzimmer rumoren. Sie setzt ihre Suche nun doch wieder dort fort.

Die wohlige Wärme auf meinem Rücken macht mich schläfrig. Ich döse ein.

Frauchens Stimme weckt mich einige Zeit später aus meinen Träumen.

„.... kannst Du das bitte mal machen, ja?"

Mit wem spricht sie? Ich strecke mich, springe vom Bett und laufe, neugierig geworden, in den Flur. Aha, sie telefoniert! Um was geht es?

„Es ist wirklich zu dumm. Ich hoffe, ich habe es bloß verlegt und nicht verloren. – Was? – Ja, die Idee hatte ich auch schon, aber ich kann mich nicht selbst anrufen, weil ich die Nummer nicht weiß. – Ich habe das Ding doch erst seit kurzem. Außerdem muss ich so selten mit mir selbst telefonieren."

Der letzte Satz klingt ironisch.

„Ja, gut, danke!" Sie legt den Hörer auf die Gabel.

Ratlos betrachte ich mein Frauchen. Sie soll sich selbst anrufen? Was meint sie damit?

Plötzlich ertönt Geläute. Ich zucke ein wenig zusammen und sie auch.

„Hä? Wo kommt denn das her?"

Ja, das möchte ich auch gerne wissen!

Zusammen mit meiner Mitbewohnerin mache ich mich auf die Suche nach der Geräuschquelle.

Entsetzt muss ich kurz darauf feststellen, dass mein Körbchen klingelt!!!

Nachdem ich mich von meinem Schrecken erholt habe, springe ich zu meinem kleinen rotkarierten Katzenzelt, doch Frauchen ist schneller.

Mit einem befriedigt-sarkastisch klingenden „Aha!" holt sie das kleine, flache, blaue Ding heraus, das ich gestern abend erbeutet und „adoptiert" habe. Sie drückt einen Knopf darauf, hält es sich ans Ohr und sagt:

„Danke! – Ich hab´s gefunden. Gustav hatte es in seinem Körbchen gebunkert. – Tja, keine Ahnung. Vielleicht hat er auf einen dringenden Anruf gewartet?" Sie lacht.

Dann wendet sie sich mir zu:

„Du Schlingel – lässt Dein Frauchen stundenlang suchen!"

Ph! Ich drehe mich um und stolziere – meinem cognacfarbenem Fell angemessen – würdevoll durch den Flur zurück ins Schlafzimmer.

Hätte sie eine Andeutung gemacht, wonach sie sucht, hätte ich ihr natürlich geholfen. Denn ehrlich gesagt, kann ich auf solch ein lärmendes Ungetüm in meinem Körbchen gerne verzichten.

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Ende

©T.Schwark2006

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