Die Katzengeschichte für den August:

Cyril und das Malheur, Teil 2

Der Kleine war nun schon über einer Woche in Cyrils Obhut. Die beiden saßen in Sallys Zimmer und das Kätzchen quengelte schon seit einiger Zeit herum.

„Ich will nach Hause! Ich will zu Mama! Ich will zu meinen Geschwistern!" „Stell dich nicht so an! Benimm dich gefälligst wie ein Kater!" Der Kleine starrte seinen Vater stumm an. Cyril wollte sich schon selbst für sein erfolgreiches Durchgreifen beglückwünschen, als er bemerkte, wie die Schnurrbarthaare seines Sohnes zu zittern begannen und das kleine Mäulchen sich zu einem herzzerreißenden Jaulen öffnete. Cyril zuckte zusammen. Das hohe, schrille Stimmchen schmerzte in seinem Kopf. Er überlegte, ob er seine Pfoten dazu benutzen sollte, seinem Sprössling mal ordentlich was hinter die Ohren zu geben oder sich lieber seine eigenen zuzuhalten. Er hatte den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, als die erschrockene Stimme seines Frauchens ertönte. „Oh mein Gott! Cyril! Halt aus, ich bin gleich bei dir!" Er hörte sie herbei eilen. „Mist!" knurrte Cyril. Sein Sohn saß in der Mitte des Raumes, wie auf dem Präsentierteller. Er versetzte ihm einen beherzten Pfotenhieb und das kleine Kätzchen segelte wie ein Federball durch die Luft. Cyril schluckte, er hatte ganz unterschätzt wie leicht der Kleine war. Egal. Frauchen war schon fast im Zimmer. Aus den Augenwinkeln sah er, dass sein Nachwuchs wohlbehalten in einem Stapel von Stoffspielzeugen gelandet war und dort stumm vor Überraschung sitzen blieb.

Cyrils Frauchen stürzte sich auf ihn und hob ihn hoch. „Ach Cyril. Ist alles in Ordnung? Ist dir schlecht? Oder vermisst du etwa Sally? Bald sind Ferien und dann kommt sie heim." Sie drückte ihm einen dicken Schmatzer auf die Fellwange und setzte ihn wieder auf den Fußboden.

Kaum war sie wieder verschwunden, ertönte das Stimmchen von Cyril Sohn.

„Das war toll! Machen wir das noch mal?"

Cyril stöhnte. „Reiz mich nicht! Sonst fliegst du das nächste Mal aus dem Fenster."

In dem Moment kam eine schlanke, braungetigerte Katze ins Zimmer geschlendert. Sie würdigte Cyril keines Blickes, sondern ging schnurstracks in die Ecke, wo der kleine Kater noch immer inmitten des flauschigen Spielzeugs saß. „Hey Kleiner, ich bin deine Schwester." Sie gab ihrem Bruder einen freundschaftlichen Nasenstüber und stutzte. „Wie sieht der denn aus? Der muss mal richtig saubergemacht werden!" Und schon begann Millie ihren kleinen Bruder von oben bis unten zu putzen. „Wirklich Papa, dass hättest du auch selber machen können!" „Ich? Wie käme ich denn dazu?" „Willst du etwa, dass die anderen Katzen sagen, dein Sohn hätte dreckige Ohren?" Cyril musterte den Kleinen kritisch. „Die hat er doch gar nicht." stellte er befriedigt fest. „Nee, jetzt nicht mehr."

„Seit wann bist du den Expertin in Sachen Kindererziehung?" Cyril kniff die Augen zusammen. „Du bist doch nicht etwa..."

„Keine Angst. Da hat mein Frauchen vorgesorgt. Aber ihre Freundin hat ein kleines Kätzchen und da gibt Frauchen ihr viele Tipps per Telefon. Da habe ich so einiges bei aufgeschnappt. Tja, ich glaube, ich könnte glatt als Nanny arbeiten."

„Von wegen, du bist ja selber kaum trocken hinter den Ohren." Millie prustete beleidigt „Na, dann nicht!" und trollte sich. Auf der Türschwelle blickte sie noch einmal kurz zurück. „Machs gut, Bruderherz."

Sie war kaum verschwunden, da war Cyrils Frauchen wieder im Anmarsch. „Hier ist etwas Leckeres für dich. Aber nichts verraten. George mag es gar nicht, wenn das Katzenfutter durchs ganze Haus verteilt wird.", sagte sie und zwinkerte dem Kater zu.

Cyril musste zugeben, dass sich das Ganze nun doch zum Positiven gewendet hatte. Denn Frauchen stellte jetzt auch immer ein Schüsselchen Futter in Sallys Zimmer. Nun musste er den Kleinen nicht immer durchs ganze Haus schmuggeln, in der ständigen Gefahr, erwischt zu werden.

Frauchen wunderte sich, dass die Katzentoilette viel öfter benutzt wurde als sonst. „Ich glaube, Cyril wird von jemanden in der Nachbarschaft gefüttert. Die Katzentoilette sieht aus, als hätten wir zwei Katzen."

Cyril fielen vor Schreck die Brekkis, die er gerade kaute aus dem Maul. Zum Glück bemerkte es keiner.

Noch am selben Abend kam Sally nach Hause, bepackt mit Dutzenden von Koffern und Taschen. Cyril hatte seinem Sohn eingeschärft, sich ja unauffällig zu verhalten. Aber als der Kleine Sallys Stimme hörte, war er wie hypnotisiert. Er verließ sein Versteck und purzelte auf unbeholfenen Pfoten geradewegs auf das Mädchen zu. Sally stürzte sofort zu dem Kätzchen und nahm es hoch, während ihre Eltern sich ratlos ansahen. Da Cyrils Frauchen aber nicht auf den Kopf gefallen war, zählte sie eins und eins zusammen. Sie kam zwar nicht auf zwei, der Sache aber trotzdem so nahe, dass Cyril sie verdächtigte, dass sie die Katzensprache verstand.

„Oh, bitte, bitte, können wir das Kätzchen nicht behalten? Ich muss ja nun auch nicht mehr ins Internat. Da kann ich mich um es kümmern."

Cyril schluckte. Sally blieb hier? Das würde bedeuten, er hätte ein Katzen- und ein Menschenkind am Hals. Was für eine Strafe! Wofür eigentlich?

Aber Cyril stellte bald fest, dass es keine Strafe war, Sally und den Kleinen, der bald groß war und nun auf den Namen Tibby hörte bzw. hören sollte, um sich zu haben. Die beiden „Kleinen" waren die dicksten Freunde und Cyril hatte seine Ruhe und konnte sich wieder auf das konzentrieren, was ihm am besten gefiel: Katzendamen. Und war da nicht erst vor kurzem eine schnuckelige schwarzweiß getigerte Lady drei Häuser weiter eingezogen?

Ende

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© Kristina Rickmers 2006

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