Die Katzengeschichte für den Oktober:

Sahara

Tina streckte sich und blinzelte in die Morgensonne. Was hatte sie nur geweckt? Ihr Wecker jedenfalls nicht, der klingelte erst um acht und jetzt war es gerade kurz nach sieben. Vor acht Uhr aufzustehen war der jungen Frau ein Gräuel und ihre Tiere hatten sich deshalb an ihren Rhythmus gewöhnen müssen und taten dies meist auch ohne Probleme.

 

Zwei Jahre zuvor hatte sich Tina ihren Lebenstraum verwirklicht, ein altes Forsthaus mit großzügigem Grundstück erworben und einen Gnadenhof für alte und geschundene Tiere geschaffen. Auch wenn das Erbe, das es ihr überhaupt erst ermöglicht hatte, ihren Beruf als Versicherungsangestellte an den Nagel zu hängen, eine enorme Sicherheit bot, war sie froh, dass Spenden sowie die Einnahmen aus Reitstunden und Naturführungen meist einen Großteil der laufenden Kosten abdeckten. Immerhin residierten auf dem „Gut zur weißen Pfote" mittlerweile neben sieben Katzen, fünf Hunden, den vier Reitponys und einem Wildesel-Pärchen auch noch einige Exoten wie das etwas altersschwache Hängebauchschwein Emil, das dreibeinige Reh Fleckchen und Chica, das extrem vergessliche Alpaka, das an einem Tag niemanden erkannte und sich in die hinterste Ecke der Weide flüchtete, am nächsten Tag jedoch kaum von Tinas Seite wich. Image Verglichen damit verbrauchte die kleine Meerschweinkolonie, die im hinteren Teil des Gartens ihre Residenz hatte, den geringsten Teil des Futters und die Hühner verdienten sich ihren Lebensunterhalt schließlich allein, indem sie nahezu das halbe Dorf mit Bio-Eiern versorgten.

Ein Blick aus ihrem Schlafzimmer zeigte Tina, dass Mike, der Zivi, der dieses Jahr auf dem Gut arbeitete, noch nicht angekommen war. Er hatte zwar erst vor einem Monat seinen Dienst angetreten, war jedoch bereits zu einer unverzichtbaren Hilfe geworden. Tina hatte in den ersten beiden Jahren nur durch gelegentliche Praktikanten Entlastung erhalten und war froh über ihre Entscheidung, ihr Projekt in eine Stiftung umgewandelt zu haben, um nun eine Zivildienststelle anbieten zu können.

„Duschen kann ich auch noch später, erst mal einen Kaffee", überlegte die junge Frau, zog ihre alte Lieblingsjeans unter ihr T-Shirt und begab sich in die Küche. Als der Kaffeeduft sich bereits in der geräumigen Küche entfaltet hatte, klackte das Schloss der Hintertür und Mike kam herein. „Guten Morgen! Toll, Kaffee!" Ein Blick auf Mikes etwas einsilbige Begrüßung entschuldigte diese von selbst, denn mit seinen verstrubbelten hellbraunen Haaren und seinen vom Schlaf noch leicht verquollenen Augen bot er das stimmige Bild eines gerade aus dem Bett gefallenen Menschen, der einen Becher Kaffee dringend nötig hatte. „Süß", dachte Tina, „wenn er nur zehn Jahre älter wäre..."

Fünf Minuten später saßen die beiden vor ihren dampfenden Kaffeebechern und planten gemeinsam ihren Tag. „Ach, das hätt’ ich ja fast vergessen! Was ist das eigentlich für ein Karton vor deiner Haustür?", erinnerte Mike sich zwischen zwei geräuschvollen Schlürfern. „Wieso? Welcher Karton?" „Na der, der direkt vor Deiner Tür steht", war die überraschende Antwort. „Da steht ein Karton? Der war aber gestern Abend noch nicht da!", stellte Tina fest, während sie bereits aufstand und sich auf den Weg zur Tür machte.

Sie schloss diese auf und tatsächlich: Direkt vor ihr auf der obersten Stufe stand ein mittelgroßer Pappkarton, in dessen Deckel mehrere kleine Löcher geschnitten waren. „Sieht aus wie Luftlöcher", erklärte Mike fachmännisch. „Zumindest sieht es nicht gefährlich aus. Auf jeden Fall nicht gefährlich im Sinne einer übergroßen Briefbombe!", erwiderte Tina, doch man merkte ihr an, dass ihr eigentlich nicht zum Scherzen zu Mute war. Schließlich liebte sie Tiere über alles und dass sich in dem Karton etwas Lebendiges befand, war nur allzu wahrscheinlich.

Tina kniete sich neben das Fundstück und begann vorsichtig den Deckel anzuheben. Kleine aufgeregte Schnaufer drangen an ihr Ohr und ihre Bewegungen wurden noch behutsamer. Endlich hatte sie den Deckel entfernt, hielt ihn jedoch noch so, dass sie ihn jederzeit wieder zudrücken konnte, sollte der Inhalt sich entscheiden, die Flucht anzutreten. Diese Vorsichtsmaßnahme erwies sich jedoch als unnötig, denn das sandfarbene Fellbündel, das sich in eine Ecke des Kartons drückte, zitterte am ganzen Körper und blickte mit großen ängstlichen Augen zu Tina hinauf.

„Wer bist du denn?", Tinas Stimmer nahm sofort einen weichen, beruhigenden Klang an. Vorsichtig näherte sie sich dem Tierchen. „Oh, und eine verletzte Pfote hast du auch!" Vorsichtig griff sie nun mit beiden Händen nach dem Tierchen und dieses ließ geschehen, dass sie es hochnahm und seine Pfote näher betrachtete. „Mike, könntest du bitte Dr. Stein anrufen? Er muss sich dringend die Pfote ansehen, sie ist wahrscheinlich gequetscht." „Natürlich sofort!" Mike eilte ins Haus, um den Tierarzt anzurufen. Dr. Stein kannte das „Gut zur weißen Pfote" schon von vorherigen Besuchen, schließlich fiel bei so vielen vierbeinigen Bewohnern immer mal ein Patient an.

 

Während sie Mike aus dem Arbeitszimmer telefonieren hörte, nahm sich Tina die Zeit das verängstigte Fellbündel in ihrem Arm näher zu betrachten. Es handelte sich eindeutig um ein junges Kätzchen, so viel stand auf den ersten Blick fest. Doch irgendwas war anders: sein Körperbau wirkte schmaler als der eines Hauskatzenbabys und sein Fell war kürzer und hatte die Struppigkeit, die eher an das Fell eines Löwenjungen erinnerte. In Tina regte sich ein Verdacht, denn schließlich waren Katzen ihr persönliches Steckenpferd und es gab kaum ein Buch zu diesem Thema, dass sie nicht besaß oder zumindest gelesen hatte. „Die Katze als Haustier", „Psychologie bei Katzen" oder „Die Entwicklung der Felidae", alles wurde von Tina geradezu verschlungen und gerade an Letzteres erinnerte sie sich gerade lebhaft. „Wie ungewöhnlich!", murmelte sie leise. „Was ist ungewöhnlich?", fragte Mike, der gerade von seinem Telefonat zurückkam. „Weißt du was das hier mit hoher Wahrscheinlichkeit ist?", fragte Tina ihn, während sie ihm mit leuchtenden Augen das Kätzchen vor die Nase hielt. „Eine Katze?!", fragte Mike leicht verunsichert. „Genau, aber eine ganz besondere. Darf ich vorstellen: Dies ist eine kleine Falbkatze, der wahrscheinliche alleinige Vorfahr aller bekannten Hauskatzenrassen!"

Mike starrte das Fellbündel mit großen Augen an, als überlege er, wie dieses kleine Wesen der Ahnherr oder die Ahnfrau aller Katzen sein könne. Tina konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Doch nicht diese hier! Ich meine natürlich die Falbkatze an sich!" Mikes Miene drückte zwar etwas mehr Verständnis aus, blieb jedoch skeptisch. „Falbkatzen sind wahrscheinlich schon vor 6.000 Jahren in Mesopotamien oder Palästina domestiziert also zum Haustier des Menschen geworden," erklärte Tina, „sie sind also mit die ältesten Haustiere der Welt, außer Hunden natürlich." „Jetzt erinnere ich mich! Der Begriff kam mir gleich irgendwie bekannt vor, aber ich konnte ihn nicht sofort einordnen. Neulich im Fernsehen kam eine Sendung über das Washingtoner Artenschutzabkommen und da tauchte er auf!" „Das ist gut möglich! Um so erstaunlicher, dass unser kleines Findelkind überhaupt hier ist", erwiderte Tina, während sie das Kätzchen vorsichtig an sich drückte. Man konnte ohne weiteres erkennen, dass sie den Neuankömmling bereits in ihr Herz geschlossen hatte.

In dem Moment bog ein Auto von der Landstraße in die lange Zufahrt zum ‚Gut zur weißen Pfote’ ein. „Das war es, was mich heute morgen geweckt hat!", rief Tina aufgeregt. „Ich bin heute morgen von etwas geweckt worden, konnte das Geräusch im Halbschlaf aber noch nicht zuordnen", erklärte sie Mike, „aber jetzt weiß ich es wieder. Es waren die Geräusche, die entstehen, wenn ein Auto zu schnell über die Kieszufahrt fährt." „Das muss der Typ gewesen sein, der das Kätzchen hier ausgesetzt hat. So ein Vollidiot, ein Tier zu verletzen und dann nicht mal die Konsequenzen tragen!", ereiferte sich nun auch Mike.

Gerade war das Auto auf dem weitläufigen Hofplatz zum Stehen gekommen und ein freundlich wirkender Mann mit bereits vollständig ergrautem Haar stieg aus, nahm eine große Tasche vom Rücksitz und näherte sich dem Haus. „Guten Morgen Dr. Stein," wurde er begrüßt, „Entschuldigung, dass wir sie schon so früh stören, aber wir habe diesen kleinen Patienten hier in einem Karton vor der Tür gefunden und glauben, dass er recht schnell Hilfe benötigt." „Ich war sowieso schon wach! Und außerdem ist mir klar, dass Verletzungen und Krankheiten sich nicht nach der Uhrzeit richten!", antwortete der Tierarzt augenzwinkernd.

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