Die Katzengeschichte für den November:

Sophie

Teil 2

Es verging einige Zeit und Simone beschloss, sich auf den Heimweg zu machen, da es sie fröstelte. Mit der Dunkelheit war es auch neblig geworden und die kalte Feuchtigkeit kroch durch ihren Mantel. Bestimmt war Cäsar nach drinnen verschwunden, um sich in sein warmes, gemütliches Katzenkörbchen zu legen. Sie hatte den Gedanken kaum zu Ende gedacht, da klapperte das Katzentürchen und das weiße Köpfchen des Katers erschien. Kaum war er draußen, drehte er sich um und angelte mit Maul und Pfote nach etwas Größerem, welches er offensichtlich mit zur Tür geschleppt hatte. Simone sah den Bemühungen des Katers eine Weile zu, dann entschloss sie sich, einzugreifen, bevor Richard erneut aufmerksam werden würde. Sie kniete neben der Katze auf der Stufe nieder und griff mit der Hand durch die Klappe. Sie ertastete etwas Kühles, Glattes mit Metallteilen. Es war – eine Handtasche. Der Form nach zu urteilen, die sie ertastete, hatte Cäsar die grüne Designertasche zur Tür gezogen. Simone drehte die Baguettetasche so, dass sie der Länge nach durch die schmale Öffnung passte und zog sie schließlich heraus. Cäsar saß vor ihr und blickte sie erwartungsvoll an. „Los, mach´ auf!" schienen seine funkelnden Augen zu sagen.

 

Simone öffnete den goldenen Schnappverschluss und warf einen Blick hinein. Da sie in der Dunkelheit nicht viel erkennen konnte, wühlte sie ein wenig mit der Hand darin herum. Sie förderte etwas Quadratisches aus Leder heraus. Sophies Geldbörse, wie sie kurz darauf feststellte. Wenig später hatte sie in der Tasche neben Lippenstift, Kugelschreiber und Aspirin auch Sophies Schlüssel und ihr Handy gefunden. Entsetzt starrte Simone auf das Handy. Hier stimmte etwas ganz und gar nicht! Entschlossen warf sie alle Gegenstände wieder in die Tasche, nahm Cäsar auf den Arm und fuhr in ihrem Wagen mit dem Kater zurück in ihre eigene Wohnung.

Daheim angekommen, erkannte sie erleichtert, dass Björn bereits da war.

„Hallo Schatz, wo warst du denn so lange? Ich habe mir schon Sorgen gemacht. – Oh, Du hast Besuch mitgebracht! Hallo Cäsar!" er nahm sie liebevoll in den Arm und gab ihr einen Kuss.

„Björn, ich muss dir was erzählen," sprudelte es aus ihr heraus.

Cäsar sprang von ihrem Arm, kaum dass Björn sie losgelassen hatte und begrüßte Ophelia, die ebenfalls in den Flur gekommen war, um die Besucher zu begutachten. Die beiden Katzen vertrugen sich ausgezeichnet. Sophie brachte ihren Kater immer zu Simone, wenn sie in Urlaub fuhr und revanchierte sich, indem sie Ophelia ein Obdach bot, während deren Frauchen in den Ferien weilte.

„Was ist denn bloß passiert? Du bist ja ganz blass!" Björn führte sie ins Wohnzimmer, wo sich Simone in ihren Fernsehsessel plumpsen ließ.

Sie berichtete ihm von Anfang an: die geplatzte Verabredung, die verschwundene Sophie, von ihrer Unterhaltung mit deren Ehemann und schließlich äußerte sie auch ihren Verdacht. Nachdem sie ihre Befürchtung laut ausgesprochen hatte, kam sie ihr ungeheuerlich und absolut einleuchtend zugleich vor. Björn hatte schweigend ihrem Bericht zugehört und auch die Handtasche mit ihrem Inhalt begutachtet.

„Tja, also ich denke auch, sie wäre keinesfalls ohne Handy, Schlüssel und Geld verschwunden. Schau´ mal, sogar ihr Personalausweis und ihre ec-Karte sind da. Das ist echt merkwürdig. Irgendwas ist faul."

Beide versanken in Schweigen, überlegten, was sie tun könnten. Cäsar war nähergekommen, sprang Simone auf den Schoß und rieb sein Köpfchen an ihrer Schulter. Geistesabwesend strich sie ihm über den Rücken und nahm einige Verkrustungen in seinem Fell wahr.

„Sag´ mal, wo hast du dich denn herumgetrieben?" fragte sie den Kater und unterzog sein Fell einer genaueren Betrachtung. Überall befanden sich kleine, graue, harte Schmutzklümpchen. Die Schwanzspitze war deutlich verklebt und die linke hintere Pfote wies ebenfalls den Schmutz auf.

„Was ist das?" fragte Simone und besah sich den Dreck ausgiebig.

Jetzt war auch Björn aufmerksam geworden. Er kam zu ihrem Sessel herüber, kniete sich davor und untersuchte nun seinerseits Cäsars Fell. Er zupfte ein wenig von dem Schmutz ab und betrachtete ihn im Schein der Lampe sorgfältig.

„Ich würde sagen, das ist Kitt oder Zement oder so was in der Art. – Hast du dich auf einer Baustelle herumgetrieben, du alter Schlingel?" fragte er, Cäsar zugewandt.

„Zement?" Simone sah ihren Freund mit großen Augen an.

„Möglich, ja." Björn warf ihr einen fragenden Blick zu. „Was ist denn?"

„Am Geräteschuppen stand ein Sack Zement und eine Wanne und ich habe mich gefragt, was das soll." Sie erzählte ihm von Richards Erklärung, er wolle die Terrasse erneuern.

Björn sah nun wirklich alarmiert aus. „Und, war da schon was zementiert?" wollte er argwöhnisch wissen.

„Nein, ich habe nichts gesehen."

„Es sollte mich auch wundern, wenn jemand Ende November beginnt, seine Terrasse zu erneuern."

Beide schwiegen nachdenklich.

Schließlich sagte Björn: „Er muss aber etwas gemacht haben, sonst hätte der Kater nichts von dem Zeug im Fell."

Simone stimmte ihm zu.

Sie überlegten lange, was sie machen sollten und gelangten schließlich zu der Übereinkunft, am nächsten Tag, wenn Richard im Büro war, mit Hilfe von Sophies Schlüssel in das Haus zu gelangen, um nach dem Rechten zu sehen.

In der Nacht schlief Simone schlecht. Sie wälzte sich unruhig im Bett und wurde von bizarren Träumen geplagt. Am darauffolgenden Morgen fühlte sie sich entsprechend unausgeschlafen und kaputt. Sie rief in ihrer Marketingagentur an und meldete sich krank. Björn war selbständig – ihm gehörte ein alternativer Musikladen – daher konnte er die Öffnungszeiten selbst bestimmen.

Beide fuhren mit Cäsar zu Sophies Haus. Simone hatte darauf bestanden, den Kater mitzunehmen, da sie sich von ihm Hilfe erhoffte. Als sie vor dem Haus anlangten, stellten sie erleichtert fest, dass Richards silbergraue Limousine nicht auf dem Parkplatz stand, was bedeutete, dass er nicht zu Hause war.

Björn schloss die Tür auf, Simone folgte ihm mit Cäsar auf dem Arm ins Innere des Hauses. Sie hatte kaum die Tür hinter sich geschlossen, als der Kater von ihrem Arm heruntersprang, durch das Wohnzimmer lief und verschwand. Björn und Simone sahen sich um, in der Hoffnung, irgendeinen Hinweis zu entdecken. Sie begaben sich in den ersten Stock, in dem die Schlafräume und das Gästezimmer lagen. Sophie und Richard hatten getrennte Schlafzimmer. Simone betrat das Zimmer ihrer Freundin, sah sich darin um, konnte jedoch nichts Außergewöhnliches entdecken. Sie öffnete den großen, sechstürigen Kleiderschrank. Vor ihr tat sich die ganze Pracht Sophies Garderobe auf. Sie erkannte einige Lieblingsstücke ihrer Freundin, ohne die diese ganz bestimmt nicht fortgegangen wäre.

Simone bekam Bauchschmerzen. Sie war sich jetzt ganz sicher, dass ihrer Freundin etwas Schlimmes zugestoßen war.

„Vielleicht sollten wir im Keller nachsehen," schlug Björn vor, der hinter sie getreten war. Simone erstarrte. Sie musste nicht erst nachfragen, wonach genau ihr Freund im Keller zu suchen beabsichtigte.

„Du meinst, er hat sie –„ der Satz hing unvollendet im Raum.

„Sei ehrlich, was wir bisher herausgefunden haben, deutet leider darauf hin, dass ihr irgend etwas zugestoßen ist, oder etwa nicht?"

Simone nickte bedächtig.

„Wenn er sie also, äh – ich meine, wenn er für -, für seine Zwecke Zement angerührt hat, dann werden wir sein... „Werk" am ehesten im Keller finden oder wo würdest du eine Leiche einzementieren?

Seine letzten Worte klangen brutal und er war sich dessen bewusst, aber er wollte auf keinen Fall falsche Hoffnungen in seiner Freundin nähren. Simone folgte ihm die Treppen bis in den Keller hinunter. Cäsar jaulte irgendwo im Haus herum, aber beide waren so sehr auf die vor ihnen liegende Aufgabe konzentriert, dass sie keine Notiz von der Katze nahmen.

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Der Keller war unaufgeräumt, staubig und spinnwebverhangen. Es roch modrig und die Luft war feucht. Björn rückte probeweise einige der Regale herum, aber es war zu erkennen, dass hier seit Jahren nichts umgestellt worden war. Simone öffnete einige Umzugskisten, um deren Inhalt zu begutachten. Sie schrie gellend auf. Von einem aufgeklappten Deckel krabbelte ihr eine fette, haarige, dunkelbraune Spinne entgegen. Björn eilte zu ihr, sah die Spinne und stieß einen Seufzer der Erleichterung aus.

„Ach, Schatz, das ist bloß eine Tegenaria domestica, auch als Hauswinkelspinne bekannt. Nicht hübsch anzuschauen, aber harmlos."

Simone verbarg kurz ihr Gesicht an seiner Schulter. Wie konnte ihr Freund jetzt mit seinen Fachsimpeleien zu Spinnentieren anfangen! „Ich will hier raus," flüsterte sie.

„Okay, gehen wir wieder nach oben, hier unten finden wir ´eh nichts, fürchte ich."

Während sie die Stufen emporstiegen, hörten sie Cäsars Gejaule.

„Das klingt ja schlimmer, als der Hund von Baskerville. Was hat der Kater bloß?" murmelte Björn.

Oben angelangt, kam ihnen Cäsar aus dem Badezimmer entgegen. Er rieb sich kurz an Simones Waden und lief dann eilig wieder Richtung Bad. Dort blieb er stehen und sah sich zu den Beiden um. Als keiner von ihnen Anstalten machte, ihm zu folgen, wiederholte er seine Tätigkeit.

„Das Bad?" fragte Björn schließlich.

„Gestern abend war er auch im Badezimmer, als ich ihn fand. Er maunzte und jaulte genauso und sprang gegen das Fenster, bis Richard kam und ihn hinauswarf." erklärte Simone.

Sie folgten der Katze in das Badezimmer und sahen sich dort um, konnten jedoch auch hier nichts Ungewöhnliches entdecken. Das Bad war in strahlendem Weiß mit vanillefarbenen Blumenornamenten gekachelt. Waschbecken, Bidet, Toilette und Badewanne bestanden aus weißem Porzellan mit goldenen Armaturen.

„Die Putzfrau kommt wohl auch nicht mehr," ließ sich Simone zu einem trockenen Kommentar hinreißen, nachdem sie mit dem Finger über den weißen gekachelten Vorsprung neben dem Waschbecken entlang gestrichen war. Sie pustete den Staub von ihrem Finger.

Der Kater lief vor der Badewanne hin und her und miaute in den schrillsten Tönen.

„Was hat er nur?" fragte Simone.

Björn trat näher an die Badewanne, lief darum herum und begutachtete sie von allen Seiten. Er fuhr mit den Fingern die Fugen entlang und betrachtete die Kacheln, die die Wanne umgaben, aufmerksam. Nach einer Weile nachdenklichen Schweigens sagte er zu seiner Freundin:

„Warte hier, ich hole nur eben was."

Es verstrichen einige Minuten, dann kehrte er mit einem Hammer in der einen und einem Meißel in der anderen Hand zurück.

„Was hast du vor?" erkundigte sich Simone mit einem alarmierten Unterton in der Stimme.

Björn gab ihr keine Antwort.

Fassungslos musste Simone mit ansehen, wie er sich vor die Wanne kniete, Hammer und Meißel betätigte und die ersten Brocken und Kachelteile durch die Gegend flogen.

„Was zum Teufel treibst du da?" rief sie. „Bist du von allen guten Geistern verlassen?"

Björn hielt kurz inne und deutete mit dem Kinn zu Cäsar, der am anderen Ende der Badewanne saß, nun völlig still und Björns Treiben mit offensichtlicher Zufriedenheit zusah.

„Schau´ mal, Cäsar vertraut mir. Tu´ du das doch einfach auch."

Simone warf dem Kater einen hilflosen Blick zu. Dieser blinzelte sie an. Langsam wurde ihr die Katze unheimlich.

„Aber, wieso machst du das?" fragte sie erneut ihren Freund.

„Weil Badewannen..." er machte eine kurze Pause, „... einzementiert werden."

Keiner von ihnen sprach ein weiteres Wort, während Björn seine Arbeit fortsetzte.

Es dauerte nicht allzu lange, da hatte er einen Fuß freigelegt, der in einer dunkelblauen Stiefelette steckte.

Simone sprang von der Toilette auf, auf der sie gesessen hatte, klappte den Deckel hoch und erbrach sich. Sie war dabei gewesen, als Sophie die dunkelblauen Stiefeletten aus Wildleder gekauft hatte.

Björn legte Hammer und Meißel beiseite, nahm seine Freundin in den Arm und führte sie ins Wohnzimmer. Simone setzte sich wie betäubt auf das Sofa, während er mit der Polizei telefonierte.

Während die Spurensicherung im Bad zugange war, beantworteten Björn und Simone die Fragen der Polizisten. Cäsar hatte sich auf Simones Schoß zusammengerollt und schnurrte zufrieden.

 

Ende

 

© Tanja Schwark 2006

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