Die Kurzgeschichte zum 1. AdventImage

 

Der Katzenflur

Teil 1

 

"Warum hab ich mich nur darauf eingelassen!", schimpfte Elsa, während sie in jeder Hand ein Buch hielt. ‘Es wird dir mit jedem Jahr schwerer fallen, in den dritten Stock zu steigen und wer weiß, ob dann, wenn es wirklich nicht mehr geht, ein Platz im Haus am Hang frei ist!’, hörte sie die Stimme ihrer Tochter im Ohr. "Und da hat sie ja leider recht", murmelte sie und warf beide Bücher - unhandliche Hardcover-Ausgaben einer Romanserie, die sich in den Siebzigern großer Beliebtheit erfreut hatte - in den Karton zu ihrer Rechten.

Elsa beschloss, sich erst einmal einen starken Kaffee zu machen, um dann gestärkt mit dem Sortieren ihrer Bücher fortzufahren. Genauso wie mit den Büchern war sie in den letzten Wochen mit all ihren Sachen verfahren: Rechts die Dinge für den Flohmarkt, links diejenigen, die mit umziehen würden und in der Mitte Dinge, die erst einmal bei ihrer Tochter untergestellt wurden.

In zwei Wochen würde es so weit sein, sie siedelte ins ‘Haus am Hang’ um. "Das ist kein Seniorenheim, sondern eine komfortable Altersresidenz", hatte ihr Katja erklärt und soweit Elsa es den Prospekten entnehmen konnte, hatte ihre Tochter die Wahrheit gesagt. Sie wusste, dass der Umzug eine Chance war, wieder Anschluss zu finden, aber trotzdem sträubte sich noch einiges in ihr, diesen Schritt zu tun.

 

Am ersten November war es schließlich so weit. Elsa betrat zusammen mit ihrer Tochter das Foyer des Hauses am Hang. "Hui," Elsa pfiff leicht durch die Zähne, als sie die Eingangshalle näher betrachtete. "Wie viel sagtest du, dass du dazubezahlst?" "Das geht dich gar nichts an Mama!", grinste Katja zufrieden, während sie ihre Mutter sanft durch die Halle schob, die eher dem Entree zu einem Fünf-Sterne-Hotel als einem Altenwohnheim glich.

Sie hatten die Rezeption noch nicht erreicht, da kam eine elegant gekleidete Dame auf sie zu. "Willkommen Frau Tietjen. Mein Name ist Pettersen, ich bin die Leiterin hier." Sie gab erst Elsa die Hand und begrüßte dann Katja, die sie bereits kannte. "Es ist mir eine Ehre, sie selbst zu ihrem Zimmer zu geleiten. Folgen sie mir bitte!", fuhr sie fort und führte Elsa und deren Tochter zu einem großzügig geschnittenen Aufzug. Sie drückte auf die Zwei und der Aufzug setzte sich in Bewegung.

"Wie schön, dass sie sich für den Katzenflur entschieden haben. Ihre Tochter hat mir bereits erzählt, wie viel sie für Samtpfoten übrig haben. Ich selber ziehe sie auch den Hunden vor. Trotzdem bringen wir natürlich unseren Hundebesitzern den größten Respekt entgegen. Sie wohnen mit ihren Vierbeinern im ersten Stock, die Allergiker bewohnen den dritten und sie wohnen zusammen mit den anderen Katzenfreunden im zweiten." Ein leises Klingeln kündigte an, dass der Fahrstuhl sein Ziel erreicht hatte, Frau Pettersen betrat den Flur als Erste und so hatte Elsa Zeit, ihrer Tochter einen vernichtenden Blick zuzuwerfen. Sie und Katzen, wo gab es denn so etwas! Sie hatte ihr ganzes Leben lang kein Haustier gehabt! Zwar hatte sie in einer der zahlreichen Broschüren über das Haus am Hang gelesen, dass ‘die Bewohner des Hauses zur Haustierhaltung ermuntert würden’, dass dies jedoch derartige Ausmaße annehmen würde, hatte sie nicht geahnt!

 

Als sie wenig später das Appartement 207 betraten, verging Elsas schlechte Laune jedoch so schnell, wie sie gekommen war. Sie hatte ihr neues Zuhause vorher noch nie gesehen, aus Angst, das leere Zimmer könnte zu sehr nach Krankenhaus aussehen, doch nun musste sie erkennen, dass ihre Zweifel völlig unberechtigt waren. Staunend ging sie durch einen kleinen Flur auf einen großen sonnigen Raum zu. Im Vorbeigehen hatte sie rechts ein geräumiges, luxuriös eingerichtetes Bad gesehen und als sie nun mitten in dem Zimmer stand, das locker Platz für einen Ess- und einen Wohnbereich bot, wusste sie, dass sie sich hier schnell einleben würde.

Als Frau Pettersen ihr die diversen versteckt angebrachten Notrufschalter erklärte, hörte sie kaum zu, so fasziniert war sie von ihrer neuen Bleibe. Erst als die Leiterin sich verabschiedet hatte, löste sie sich von dem Anblick ihrer Wohnung und wandte sich Katja zu. "Seit wann mag ich denn wohl Katzen?", fragte sie. Katja wurde rot. "Na, ja, ich dachte, du könntest doch vielleicht anfangen sie zu mögen... Und außerdem knüpft man so viel leichter Kontakte." Elsa beschloss, die Sache erst einmal auf sich beruhen zu lassen.

 

Es war an einem frühen Samstagabend, Elsa zappte sich begeistert durch die knapp 40 Fernsehkanäle - in ihrer alten Wohnung hatte sie nur sieben empfangen -, als es plötzlich an der Tür klingelte. Überrascht schaltete Elsa den Fernseher aus und ging ihren kleinen Flur entlang. Als sie ihre Wohnungstür öffnete, stand dort eine Frau etwa in ihrem Alter, die ein graues Fellbündel auf ihrem Arm trug.

Die Frau reagierte auf Elsas fragenden Blick und stellte sich vor: "Ich bin Frau Gruber von schräg gegenüber." Nun erinnerte sich Elsa. Frau Gruber war ihr bei der allgemeinen Vorstellung der Flurbewohner wegen ihrer fröhlichen Lachfältchen aufgefallen. Im Moment waren diese jedoch von Sorgenfalten überdeckt und Elsa ahnte, dass diese etwas mit dem Kätzchen auf Frau Grubers Arm zu tun hatten.

"Ich weiß nicht, ob sie Herrn Burger aus Nummer 211 bereits kennengelernt haben", sprach diese weiter. "Auf jeden Fall ist er heute Morgen ins Krankenhaus gekommen. Sein Herz macht mal wieder Probleme. Nichts Ernstes wohl, aber er muss für einige Tage zur Beobachtung in der Klinik bleiben. Und nun muss sich jemand um seine Minka kümmern. "Und sie meinen, das wäre meine Aufgabe?", fragte Elsa ein wenig entnervt. Immerhin hatte sie keine Ahnung, wer Herr Burger überhaupt war!

"Ich würde es ja selber machen. Aber sehen sie, Minka und mein Fürst vertragen sich leider überhaupt nicht...", erklärte Frau Gruber vielsagend. Nun erinnerte sich Elsa auch an den Kater ihrer Nachbarin. Sie hatte sich damals noch gefragt, wie eine so nett wirkende Frau ein derart blasiert dreinschauendes Haustier haben konnte. Sie konnte Minka gut verstehen, mit so einem wie Fürst kann man ja nicht auskommen! Trotzdem behagte ihr der Gedanke an eine Pflegekatze nicht sonderlich. "Im Prinzip würde ich Minka ja gerne nehmen," suchte sie deshalb nach Ausflüchten, "aber ich habe ja überhaupt keine passenden Utensilien und an einem Samstagabend kann ich wohl kaum noch Katzenklo, Napf und wer weiß nicht alles kaufen!"

"Das ist kein Problem! Ich hole alles aus der Wohnung von Herrn Burger. Das dauert nur einen Moment!", kam die prompte Antwort. Frau Gruber streckte die Arme aus und schon fand sich Elsa mit einem grauen Kätzchen auf dem Arm wieder.

 

Sie blickte der davoneilenden Frau Gruber nach und schüttelte leicht den Kopf. Lange Zeit zum Wundern blieb ihr jedoch nicht, denn das Fellbündel in ihrem Arm erwachte zum Leben und wand sich heftig. Schnell trat Elsa in ihre Wohnung und schlug die Tür hinter sich zu. Wenn ihr Minka entwischte, dann sollte das lieber in ihren eigenen vier Wänden als auf dem Hausflur passieren!

Und tatsächlich: Kaum dass sie ihr Wohnzimmer betreten hatte, entwand sich Minka endgültig Elsas Arm und landete federnd auf dem Teppich. Sofort begann sie damit, neugierig ihre Umgebung zu erforschen und auch Elsa hatte in der nächsten Stunde genug zu tun, denn nacheinander zogen Katzenklo, Kratzbaum, Napf, Futter und Spielzeug in rauen Mengen in ihre Wohnung ein. Als endlich alles seinen Platz gefunden hatte, war Elsa die Hälfte der zahlreichen Erklärungen schon wieder entfallen und sie war froh, dass Frau Gruber sie allein ließ.

 

Mittlerweile war es nach sieben geworden und Elsa knurrte der Magen. Sie beschloss ausnahmsweise den Speiseservice des Hauses am Hang zu nutzen, blickte kurz auf den Menüplan und orderte per Telefon Nudeln mit Lachs. Danach begab sie sich in ihre kleine Küche, in der Unmengen von Katzenfutter aufgetürmt waren. Sie versuchte sich zu erinnern, was Frau Gruber ihr erzählt hatte. Sollte sie das Trockenfutter abends und das Nassfutter morgens füttern? Oder war es umgekehrt? ‘Egal’, entschied sie, ‘Minka wird schon wissen, was ihr schmeckt!’ Sie öffnete eine Dose ‘Schmecki - mit frischem Huhn’, füllte den Inhalt in einen Napf und platzierte diesen neben dem noch unangetasteten Wassernapf.

Kurz darauf nahm sie ihr eigenes Essen an der Tür in Empfang und trug es ins Wohnzimmer. Da sie weder die Nachrichten noch Wetten dass...? verpassen wollte, hatte sie beschlossen vor dem Fernseher zu essen. Kaum dass sie die Haube von ihren Nudeln genommen hatte, erschien Minkas Kopf hinter dem Sessel. Neugierig beäugte sie Elsa und vor allem deren Essen. Mhmm, roch das lecker nach frischem Lachs!

Mit einem Satz landete Minka neben ihrem Pflegefrauchen auf dem Sofa. Elsa konnte gerade noch den Teller hochreißen und so griff die kleine weiße Pfote, die sich angelnd auf den Tisch streckte, ins Leere. "Hey, das geht aber nicht!", schimpfte Elsa. "Dein Essen steht schließlich in der Küche!" Doch kaum hatte sie den Teller wieder abgestellt, wiederholte sich das Schauspiel. Entnervt gab Elsa auf. Sie stülpte schnell die Haube wieder über den Teller und griff sich Minka. Sie trug sie in die Küche und setzte sie vor ihrem Napf ab.

Minka blickte zunächst nicht uninteressiert auf ihr Schmecki mit Huhn, sah dann jedoch zu Elsa auf, als frage sie sich, was diese unbekannte Frau wohl als nächstes vorhatte. Die Beantwortung dieser Frage schien spannender zu sein als das angebotene Futter, denn als Elsa sich umdrehte, um ins Wohnzimmer zurückzukehren, folgte ihr Minka auf dem Fuß.

Elsa versuchte noch ein paar Mal, den Rückzug anzutreten, jedes Mal jedoch mit dem gleichen Misserfolg. Schließlich schnappte sie sich den Futternapf und trug ihn ins Wohnzimmer. Als schien Minka nur darauf gewartet zu haben, begann sie, kaum dass der Napf den teuren Perserteppich berührt hatte, friedlich zu fressen. Auch Elsa war mit dieser Lösung zufrieden und widmete sich ebenfalls ihrem, wenn auch etwas kalt gewordenen Abendessen.

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