Die Kurzgeschichte zum 2. Advent

 

Zwei der Gattung Mensch

 

Teil 2

 

Nachdem der Kater seinen Napf mit frischem Hühnchen geleert und sauber geleckt hatte und die Frau in der Küche mit der Zubereitung einer Kanne Tee beschäftigt war, erkundete er die Wohnung.

Es war alles adventlich-festlich dekoriert, überall blitzte es grün, rot und golden hervor. Auch hier auf dem Tisch stand ein grüner Kranz mit vier roten Kerzen und rotem und goldenem Schmuck. Charlie hüpfte auf die Fensterbank. Auf dieser lag eine echte Tannengirlande, die einen angenehmen Duft verströmte. Die Girlande war geschmückt mit roten Schleifen, kleinen karierten Päckchen und goldenen Glöckchen. Dieser Anblick veranlasste Charlie zu einem wehmütigen Seufzer. Warum konnte es in seinem Zuhause nicht so schön und anheimelnd aussehen? Nachdenklich blickte der Kater sich in der dekorierten Wohnung um. Eine vage Idee formte sich in seinem Katzenköpfchen und nahm allmählich Gestalt an.

Kurz entschlossen wandte er sich der Tannengirlande zu. Er zupfte an einer der roten Schleifen herum, bis sie abging, nahm sie in sein Maul und verließ die Wohnung der Frau durch die angelehnte Terrassentür. Er eilte nach Hause. Für Oscar, den Straßenkater und langjährigem Kumpel von ihm, der ihm unterwegs begegnete, hatte er heute nur ein kurzes Nicken zur Begrüßung übrig. Er würde es ihm irgendwann erklären.

Schnell schlüpfte Charlie in die Wohnung, flitzte in das Schlafzimmer seines Herrchens und hüpfte auf dessen Bett. Er patschte Sven mit der Pfote im Gesicht herum und hoppelte einige Male quer über die Decke, bis der Langschläfer endlich zu sich kam. Verschlafen sah er den Kater an, der auf seinem Brustkorb thronte.

„Was soll das? Charlie geh´ runter da, du hast bestimmt noch was zu fressen!"

„Als ob es mir immer nur um´s Futtern ginge," dachte Charlie empört.

Sven blinzelte das Tier ratlos an, dann bemerkte er den roten Zipfel, der ihm aus dem Maul hing.

„Was hast du denn da?"

Charlie öffnete das Maul und ließ die Schleife auf die Decke fallen. Sven nahm sie und drehte sie verständnislos hin und her.

„Wo hast du das denn nun wieder gefunden?"

Er ließ die Schleife achtlos auf die Bettdecke zurückfallen, sah auf den Wecker und quälte sich dann seufzend aus dem Bett, um sich in der Küche sein Frühstück zu bereiten.

Ärgerlich betrachtete Charlie die liegengelassene rote Schleife.

„Menschen sind manchmal verdammt oberflächlich," dachte er.

Er nahm die Schleife wieder ins Maul und brachte sie zu seinem Körbchen.

Am nächsten Tag war der Kater wieder bei seiner zweibeinigen Freundin. Da es ein Montag war und er wusste, dass sie arbeiten musste, wie sein Herrchen, war er erst abends zu ihr hinüber gelaufen. Diesmal mopste er eines der kleinen karierten Päckchen aus der Tannengirlande.

Zuhause angelangt, warf er es seinem Herrchen vor die Füße. Es wiederholte sich ein ähnliches Schauspiel wie bei der roten Schleife. Sven wunderte sich, fragte, woher er es habe und ließ das Päckchen dann achtlos auf den Boden fallen. Charlie nahm es wieder in sein Maul und trug es zu der Schleife im Korb.

Im Laufe der Woche brachte der Kater viele „Schätze" nach Hause und so füllten inzwischen Schleifen, Päckchen, Strohsterne und -engel, Tannenzapfen, Hagebutten und Zimtstangen sein Körbchen. Angesichts der Reaktionen seines Herrchens dachte Charlie sich: „Hab´ Geduld, alter Junge, er ist nur ein Mensch. Diese Spezies ist ja bekanntlich des Öfteren schwer von Begriff."

Am nächsten Sonntagmorgen weckte der Kater Sven erneut, diesmal mit einem kleinen goldenen Glöckchen.

Sven setzte sich schlaftrunken in seinem Bett auf: „Was´n das für´n Gebimmel?" brummte er.

Charlie sprang auf das Bett und ließ das Glöckchen vor ihm fallen.

Sven nahm die Glocke in die Hand und betrachtete sie eine Weile schweigend. Dann sah er den Kater an.

„Was machst du bloß mit dem ganzen Zeugs, dass du, woher auch immer, anschleppst?"

Der Kater sprang vom Bett und lief zur Tür, wo er stehenblieb und sich ungeduldig nach seinem Herrchen umblickte. Dieser schien ausnahmsweise den Wink einmal verstanden zu haben, stand auf und folgte seinem Vierbeiner. Charlie führte ihn zu seinem Körbchen und setzte sich stolz neben seine gesammelten Kostbarkeiten, den erwartungsvollen Blick auf seinem Herrchen ruhend.

Dieser betrachtete fassungslos den bunten Inhalt des Korbes.

„Ich möchte jetzt wirklich gerne wissen, woher du das alles hast." sagte er.

„Na endlich!" dachte der Kater und stürzte zur Haustür.

„He, nicht so eilig, kleiner Kumpel, ich muss mich erst duschen und anziehen."

Charlie wartete in der Tat vor der Tür, bis Sven, frisch gewaschen, rasiert und angekleidet auftauchte, seinen Mantel und die Schuhe anzog und ihm folgte.

Er lief den bekannten Weg, sein neugieriges Herrchen hinterdrein.

Vor dem Gartentürchen, unter dem sich der rote Kater immer durchschlängelte, blieb Sven abwartend stehen. Er sah zu, wie sein Kater zu der Terrasse lief und einige Male mit der Pfote an der Tür kratzte, bis diese geöffnet wurde und eine hübsche Frau, ungefähr in seinem Alter, erschien.

Verwundert sah Sven, wie sie sich zu dem Kater hinab beugte, ihn mit „Hallo Ginger!" begrüßte und Charlie ihr begeistert auf den Arm hüpfte, wo er sich in ihre lockigen braunen Haare schmiegte. Die Frau hatte Sven nun bemerkt und nickte zögerlich mit dem Kopf in seine Richtung. Sven nickte ebenso abwartend zurück. Eine Weile standen sie so und sahen sich an, bis es Charlie reichte. Er sprang vom Arm der Frau und lief zurück zu dem Gartentürchen. Er reckte sich seinem Herrchen entgegen und nun nahm dieser ihn auf den Arm.

Die Frau kam ebenfalls zu der Gartenpforte geschlendert.

„Guten Tag –äh, kennen Sie die Katze?" fragte sie.

„Guten Tag. Ja, das will ich wohl meinen," antwortete Sven mit humorvollem Unterton.

„Dieser Schlingel ist mein Kater und hört auf den Namen Charlie."

Die Frau lächelte: „Ein Schlingel ist er aber eigentlich nicht. Er ist ganz lieb".

„Ja, so lieb, dass er Ihre halbe Weihnachtsdekoration zu uns nach Hause geschleppt hat."

„Ach und ich habe mich schon gewundert, wieso mein Adventskranz immer karger aussieht."

Beide lachten sich an und Charlie freute sich mit ihnen. Wenn Zwei der Gattung Mensch sich auf diese Art und Weise anlachten, dann nahm es ein gutes Ende, soviel wusste er.

 

Ende

 

© Tanja Schwark 2006

 

 

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