Die Kurzgeschichte zum 2. Advent

 

Zwei der Gattung Mensch

Teil 1

 

Charlie war gerissen – daran bestand kein Zweifel. Der rotgestromte Kater, der schon so manches Duell bestritten und dabei Blessuren davongetragen hatte, war zufrieden ob seines Rufs in der Katzenwelt. Trotz seiner fehlenden Ecke im Ohr (die hatte ihm Wotan, ein launischer Maine Coon-Kater, abgebissen) und trotz seines kleinen Stummelschwänzchen (das er einem wild gewordenen Rottweiler zu verdanken hatte), welches beim Laufen lustig hin- und herwackelte, begann die Katzendamenwelt bei seinem Anblick zu schnurren. Doch Charlie - seit Jahren kastriert - ließ dies kalt.

 

Die Reinigungskraft liebte Katzen und so beschäftigte sie sich, nachdem sie die große Wohnung gesäubert und aufgeräumt hatte, immer noch ein wenig mit dem Kater und verwöhnte ihn mit dem einen oder anderen Leckerbissen.

Als Sven dies mitbekam, tadelte er die Putzfrau und bat sie, die Naschereien wegzulassen, da Charlie in letzter Zeit kräftig zugelegt hatte. Die Putzfrau schmollte ein wenig wegen der Schelte, hielt sich aber daran und steckte Charlie keine Leckereien mehr zu.

Sven wunderte sich, dass der Kater, anstatt wieder etwas abzunehmen, sein Gewicht hielt, ja sogar eher noch einige Gramm zulegte. Was er nicht wissen konnte, war, dass Charlie seit einiger Zeit einen weiteren Futterplatz aufgetan hatte.

Am anderen Ende der Stadt, in einer weniger noblen Gegend, als die Neubausiedlung, in der sein Herrchen wohnte, war Charlie an einem trockenen und schönen Abend im Herbst einer Frau begegnet. Diese saß, in eine Wolldecke gehüllt, in einem Liegestuhl auf ihrer kleinen Terrasse und las in einem Buch. Charlie beobachtete sie eine Weile. Er mochte den Anblick der letzten rotgoldenen Sonnenstrahlen, die sich über die Terrasse ergossen und die Frau unwirklich, wie auf einem Gemälde erscheinen ließen. Ihr Haar fiel in weichen braunen Wellen über ihre Schultern und die Abendsonne ließ ihr Gesicht rosig leuchten. Nachdem er die Szenerie ausgiebig betrachtet hatte, seufzte er und machte sich bemerkbar.

Er sprang von dem niedrigen Gartenmäuerchen, auf dem er gesessen hatte und lief zu dem Liegestuhl. Die Frau sah von ihrem Buch auf.

„Hallo, wer bist denn du?" fragte sie erstaunt.

Er schnurrte: „Ich bin Charlie!"

Die Frau lächelte und fast glaubte der Kater, sie hätte ihn verstanden (Menschen tun sich ja immer so was von schwer!), doch sie meinte: „Du erinnerst mich an die Katze, die ich als kleines Kind hatte – ich werde dich daher Ginger nennen. Sie hatte genauso ein schönes rotes Fell wie du!"

„Nein, nein," protestierte Charlie. „Ich bin Charlie und ein Kater!" doch die Frau lächelte nur und kraulte ihn unter dem Kinn. Charlie war besänftigt und ließ sich ihre Streicheleinheiten gerne gefallen.

Als die Sonne untergegangen war und es kühler wurde, sagte die Frau: „Mir wird kalt, ich gehe nun hinein. Adieu, kleines Kätzchen."

„Nochmal: Ich bin ein Kater – wenn auch ein seiner Männlichkeit beraubter." widersprach Charlie.

Doch die Frau fasste sein Schnurren als Abschiedsgruß auf, nahm ihr Buch und die Decke und verschwand in der kleinen Altbauwohnung.

In den folgenden Wochen kehrte der rote Kater immer wieder zu der Frau zurück, so dass diese sich mittlerweile an ihren neuen Teilzeit-Mitbewohner gewöhnte. Sie kaufte Katzenfutter und eine Fellbürste und pflegte und fütterte ihn, als wäre es ihr eigenes Haustier. Zwar hatte sie inzwischen bemerkt, dass es sich um einen Kater handelte, doch behielt sie den Namen Ginger bei, weil sie fand, er passe zu ihm. Charlie gewöhnte sich an seinen Zweitnamen und genoss sein Doppelleben in vollen Zügen. Längst hatte er ein kleinen Wohlstandsbäuchlein bekommen.

Sein Herrchen wunderte sich darüber und verdächtigte nach wie vor die Putzfrau, doch diese schwor Stein auf Bein, sie gebe dem Kater nichts mehr zu fressen. Daraufhin kaufte Sven Diätfutter, welches Charlie beleidigt verschmähte. Morgens füllte sein Herrchen den Napf mit dem ekligen, dünnen und fade schmeckenden Zeugs und abends musste er feststellen, dass sein Kater den Napf nicht angerührt hatte. Er stand dann in der Küche, ließ seinen Blick zwischen dem Tier und dem Napf hin- und herwandern und kratzte sich verständnislos den Kopf.

Charlie unterdessen ließ es sich bei seiner neuen Freundin gutgehen. Zwischenzeitlich war es Dezember geworden und die ersten Flocken fielen vom Himmel. Der Kater registrierte die merkwürdige Stimmung wie jedes Jahr, wenn der Herbst dem Winter gewichen war. Werktags eilten die Menschen mit Tüten und Taschen bepackt, geschäftig über die Straßen und fluchten über die Kälte und den Schnee. Sonntags aber – und Charlie wusste genau, wann Sonntag war, er erkannte es an den Kirchenglocken, die morgens zur Andacht riefen – da kehrte auf einmal Frieden ein. Einige Menschen spazierten plötzlich durch die kalten Straßen und blickten verzückt zu den vom Himmel herab schwebenden Flocken auf. Die Fenster der Häuser waren hell erleuchtet mit vielen kleinen, teilweise bunten, Lichtern und aus vielen Wohnungen, an denen er vorbeilief, schwebten verführerische Düfte von Kuchen, Kaffee, Plätzchen und Tannengrün. Er konnte nicht widerstehen und sprang auf die eine oder andere Fensterbank, um einen Blick ins Innere dieser Häuser zu erhaschen. In vielen stand ein runder Kranz aus Tannenzweigen auf dem Tisch oder hing von der Decke. Jedes Jahr aufs Neue beobachtete Charlie, dass es mit jedem Sonntag eine Kerze mehr wurde, die auf diesem Kranz brannte, bis es irgendwann vier waren. Weiter als vier ging es nie. Die Steigerung war dann nur, dass plötzlich viele Tannenbäume mit Lichtern übersät waren. Was das sollte, hatte Charlie nie ganz verstanden, er wusste nur, dass diese Zeit voller seltsamer Bräuche den Menschen sehr viel bedeutete. Vielen Menschen, aber durchaus nicht allen.

Sven weigerte sich beharrlich, irgendwelchen Schmuck aufzuhängen, die Fenster zu erleuchten oder Kerzen auf einem grünen Kranz anzuzünden. Die Putzfrau versuchte Jahr für Jahr, die Wohnung weihnachtlich zu gestalten, doch Charlies Herrchen wollte davon nichts wissen. Und so blieb die große Wohnung aufgeräumt und dunkel und wirkte gegen die Häuser, in die der kleine Kater nun spähte, leer und unbewohnt. Sven hatte gerade im Dezember noch weniger Zeit für ihn, da im Büro zum Jahresende hin noch mehr Überstunden anfielen.

Eines Morgens im Dezember – Charlie lauschte dem Glockengeläut und wusste, es war Sonntag – schlüpfte er durch die Katzenklappe nach draußen. Auf den Wegen lag eine dünne Schicht frisch gefallenen, pudrigen, Schnees. Sven lag noch im Bett und schlief und Charlie lief den inzwischen gut bekannten Weg zu seiner Freundin. Er sprang auf das Fensterbrett neben der Terrassentür und schabte mit seinen Pfoten so lange am Glas herum, bis die Frau auf ihn aufmerksam wurde und ihn einließ.

„Hallo Ginger, da bist du ja wieder" begrüßte sie ihn. „Schön, dass du da bist, da muss ich den Adventssonntag nicht allein verbringen."

Charlie ließ sich von ihr im Nacken kraulen, legte sein Köpfchen auf ihre Schulter und schnurrte ihr ins Ohr...

 

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