Die Katzengeschichte für den Juli:

Jeder braucht ein Zuhause

Tag 483. Marty blinzelt in die aufgehende Sonne, deren rosa Strahlen durch das große Schaufenster fallen. Auch heute würde es wieder heiß werden. Er sinniert kurz über die Zahl 483 und schnauft dann. Eigentlich will er nicht wie ein Zählwerk am Morgen eines jeden neuen Tages erwachen und sofort wissen, wie lange er schon hier ist.

Klar, es geht ihm nicht schlecht, aber all die anderen Katzen und die Pfleger, so nett sie auch sein mögen, bieten doch kein richtiges Zuhause. Ein Zuhause, wie er es einst, vor 486 Tagen, kannte. Bevor die Familie, die ihn vor Jahren als Jungtier aufgenommen hatte, ihren längeren Aufenthalt in Australien plante. Anfangs hatte er sich gefreut auf Australien und das Reisefieber hatte ihn gepackt. Er war auch noch freudig erregt gewesen, als er am Autobahnrastplatz mit der Leine nach draußen geführt wurde. Sie banden ihn an einem Geländer fest und stellten ihm ein Schüsselchen mit Wasser und eines mit Trockenfutter hin. Marty wunderte sich, dass sie danach wieder in ihr Auto stiegen und davon fuhren, beruhigte sich jedoch damit, dass sie sicherlich bald wiederkämen, um ihn abzuholen. Sie kamen nicht wieder. Nach drei Tagen fand ihn eine junge Frau, die ihn mit in das Tierheim nahm, in dem sie ehrenamtlich arbeitete.

Seit diesem Erlebnis hegt Marty Misstrauen gegenüber bestimmten Personen, trotzdem versucht er nicht alle Leute, die das Tierheim besuchen, über einen Kamm zu scheren.

Marty sehnt sich nach einem Zuhause, nach einem lieben Menschen, den er ganz für sich allein hat und der ihn nach Jahren der Zuneigung nicht wieder enttäuscht.

Immer, wenn die Gittertüre aufgeht und Besucher in den großen Raum kommen, in dem sich die Freigänger und die als schwer zu vermittelnden Tiere aufhalten, hegt Marty die Hoffnung, es sei jemand, der ihn auf der Stelle mit nach Hause nehmen will. In seinen Träumen malt er sich aus, wie er in einer der Kennel-Boxen von seinem neuen Frauchen oder Herrchen aus dem Tierheim getragen wird. Während des Hinausgetragenwerdens wird er seinen Artgenossen, die noch länger ausharren müssen, freundlich zuwinken und ihnen tröstende und aufmunternde Maunzer zuwerfen.

Doch die Erfahrung zeigt Marty leider, dass der überwiegende Teil der Besucher ausschließlich an den ganz kleinen Jungkatzen interessiert ist. Marty ist inzwischen sieben Jahre alt, ein schlanker, graugetigerter Kater mit liebenswürdigem Gesichtsausdruck. Im Gegensatz zu Conny und Charly, seinen beiden besten Freunden, ist er gesund und fidel. Conny, deren rechtes Auge infolge des Katzenschnupfens herausgeeitert ist und die nun mit einer leeren Augenhöhle herumläuft, hat die Hoffnung, ein neues Heim zu finden, längst aufgegeben. Sie ist ein Jahr älter als Marty und schwarz-weiß gefleckt. Auch Charly macht sich als dreibeiniger schwarzer Kater keine Illusionen mehr über seine Zukunft. Er ist ebenfalls sieben Jahre alt und trotz seines Handicaps erstaunlich agil. Marty ärgern die teils ungläubigen bis angewiderten Blicke, die einige Besucher seinen beiden Freunden zuwerfen. Von diesen Leuten hält er sich fern, zu denen möchte er nicht. Er selbst ist auch schon gekränkt worden. Eine ältere Dame sagte bei seinem Anblick mal: „Ach, diese getigerten, kurzhaarigen Katzen finde ich langweilig. Haben sie keine mit langem Fell? Eine Perserkatze oder so?" Dieser Ausspruch tat Marty weh. Er selbst hält sich nicht für langweilig, sondern für einen lieben und verschmusten Kater, mit dem man auch ganz toll spielen kann.

Die übrigen Besucher aber sieht er sich stets genau an und versucht, ihr Interesse zu wecken. Doch meist endet die Aufmerksamkeit nach ein paar kurzen Streicheleinheiten, weil die Besucher zu den Jungtieren wollen.

Marty reckt und streckt sich. Conny, die im Körbchen neben ihm geschlafen hat, ist nun auch wach und blinzelt ihn mit ihrem verbliebenen linken Auge an. Mal schau´n, was Tag 483 so bringt, denkt sich Marty und hüpft von dem breiten Tisch, der vor dem großen Fenster steht. Zuerst bringt der Tag einmal neues Futter. Die Pflegerin kommt mit den großen, mit leckerem Nassfutter gefüllten Plastikschalen und verteilt sie im Raum. Kaum, dass die Schalen auf dem gefliesten Boden stehen, machen sich die Katzen und Kater darüber her. Die Pflegerin füllt die Wasserbehälter mit frischem Nass und öffnet ihnen dann die Terrassentür in den abgesicherten Freilauf.

Da Marty und Charly am liebsten draußen sind, schlüpfen sie sofort hinaus und belegen ihren Lieblingsplatz auf dem alten, dicken Baumstamm. Conny bevorzugt geschlossene Räume und macht es sich wieder in ihrem Körbchen bequem.

Gegen Mittag kommen die ersten Besucher. Marty hört, wie die Gittertüre geöffnet wird und erhebt sich vom Baumstamm, um zu sehen, ob es sich um ein potentielles neues Herrchen/Frauchen für ihn handelt. Charly hebt nur kurz den Kopf und bleibt desinteressiert auf seinem Plätzchen liegen. Einen dreibeinigen Kater will sowieso keiner haben und die Schmerzen und Enttäuschungen, die manche Besucher in der Lage sind, bei ihm hervorzurufen, braucht er nicht.

Marty springt zur Terrassentür hinein und schaut. Es handelt sich um eine füllige Frau in mittleren Jahren, die eine üppige Parfümwolke umgibt. Einige Katzen niesen. Sie begibt sich in die Mitte des Raumes und ihre hohen Absätze klackern unangenehm laut auf den Fliesen. Marty setzt sich und überlegt, ob er ihr probeweise um die Beine streichen soll.

Die Frau deutet mit einem langen, rot lackierten Fingernagel in die Katzenrunde und fragt die Tierpflegerin: „Das sind ja alles alte Tiere. Haben Sie keine kleinen Kätzchen?"

Thema erledigt. Marty erhebt sich und trottet wieder nach draußen zu seinem Freund Charly. Zu einer Frau, deren Geruch Niesreiz bei ihm auslöst, die beim Laufen lärmt und deren Krallen länger sind als seine, möchte er nicht.

Wenig später geht die Gittertür erneut auf. Marty springt auf und läuft in das Zimmer. Ein junges Pärchen ist hereingekommen. Beide machen einen freundlichen und tierlieben Eindruck. Und im Gegensatz zu anderen Besuchern scheinen sie auch nicht ausdrücklich an Jungtieren interessiert zu sein!

Sie setzen sich Beide auf die Treppenstufe, die in den Raum hinunter führt und warten, welche Katzen zu ihnen kommen. Marty begibt sich zu ihnen und schnuppert. Kurz darauf wendet er sich angeekelt ab. Die Zwei mögen zwar nett sein, aber mit dem Gestank nach kaltem Zigarettenrauch wird er auf Dauer nicht fertig werden. Er will gerade zurück in den Garten, da sieht er, dass Conny auf die Beiden zustakst.

Marty hört das Mädchen sagen: „Oh schau´ mal, die Katze da hat nur ein Auge. Lass´ uns die mitnehmen, die will bestimmt sonst keiner."

Er antwortet: „Mal sehen, ob sie zu uns kommt. Du weißt ja: nicht wir suchen die Katze aus, sondern das Tier muss uns aussuchen. Sonst klappt das nicht."

Conny weg? Das darf nicht sein! Marty beginnt zu maunzen. Conny versteht. Kurz vor dem Pärchen dreht sie sich um und folgt ihrem vierbeinigen Freund in den Garten.

An diesem Tag kommen noch einige andere Besucher. Von einem jungen Mann, der angibt, angehender Mediziner zu sein, raten ihm seine Freunde ab, weil sie vermuten, dass er tatsächlich für ein Labor arbeitet und „Nachschub" an Versuchstieren sucht. Auch die Pflegerin scheint einen Verdacht zu hegen, denn sie vertraut ihm keines ihrer Tiere an.

Ein Ehepaar mit zwei kleinen Nervensägen reagiert unwirsch, als Marty eines ihrer Kinder anfaucht, weil dieses ihn zu fest am Schwanz gezogen hat. Als sie weg sind, nimmt ihn die Tierpflegerin auf den Arm und flüstert ihm ins Ohr: „Ich hab´s gesehen, Marty. Ich weiß, dass Du ein ganz Lieber bist. Sei nicht traurig, wenn heute wieder niemand für Dich dabei war, Du findest eines Tages ein schönes Zuhause."

Marty wirft ihr einen treuherzigen Blick zu. Hoffentlich behält sie Recht.

Fortsetzung...

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