Die Katzengeschichte für Halloween: Image

 

Samhain

 Teil 1

Gisela schlenderte durch die Straßen ihrer Heimatstadt, in der sie schon seit ihrer Geburt vor sechsundfünfzig Jahren lebte. Sie betrachtete die Schaufenster, die sich wie Perlen links und rechts der Fußgängerzone aufreihten, doch nichts konnte ihren Blick länger fesseln, geschweige denn sie motivieren, einen der überhitzten Läden zu betreten. Das Weihnachtsgeschäft war zwar noch lange nicht im vollen Gange, doch man merkte, dass die Menschen bereits mit offeneren Augen, immer auf der Suche nach einem Schnäppchen, durch die Stadt hetzten.

Gisela ließ das alles kalt. Die wenigen Lieben, die sie an Weihnachten beschenken würde, hatten ihre Wünsche schon längst einmal beiläufig geäußert und der Mensch, der ihr über dreißig Jahre das Liebste in ihrem Leben gewesen war, lag seit etwas mehr als einem Jahr auf dem Friedhof unweit ihres kleinen Reihenhäuschens. Morgen, beschloss sie, bevor endgültig der November Einzug hielt, würde sie wieder bei dem Grab nach dem Rechten sehen.

Sie hatte sich zwingen müssen, die Frequenz ihrer Besuche herabzusetzen, war sie doch in der Zeit der akuten Trauer bis zu dreimal am Tag den mittlerweile vertrauten Weg gelaufen und hatte ihrem verstorbenen Mann ihre Alltagssorgen mitgeteilt. Erst als Ute, die schon seit der Grundschule ihre engste Vertraute war, ein Machtwort gesprochen hatte, war Gisela ganz langsam wieder etwas aus ihrem Schneckenhaus herausgekrochen.

Doch an so einem Herbsttag wie heute fiel es ihr besonders schwer nach vorne zu blicken. Sie hatte diese Jahreszeit noch nie gemocht und erinnerte sich noch gut daran, wie sie als Kind Rotz und Wasser geheult hatte, wenn die Blätter an den Bäumen ihr sattes Grün verloren und sich langsam abzeichnete, dass der Sommer zu Ende war.

Der Gedanke, wie ernsthaft sie ihren Vater einmal gebeten hatte, doch bitte den Sommer zu verlängern, versetzte Gisela zurück in ihre Kindheit und sie beschloss, sich im Supermarkt an der Ecke eine Süßigkeit zu gönnen. "Wenn nichts mehr hilft, versuch’s mit Schokolade!" hatte Ute ihr außerdem einmal geraten. ‘Nun, gut‘, dachte Gisela, ‘dann werde ich das jetzt probieren!’, und betrat den Supermarkt.

Hatten sie im September die ersten Saison-Aufsteller noch sehr genervt, empfand sie die vor ihr aufgetürmten Lebkuchen- und Zimtsternberge nun als ganz passend für die dunkler werdenden Tage. Zielstrebig steuerte sie die Schokoladenweihnachtsmänner an, als ihr ein weiterer Aufsteller ins Auge fiel. Hier herrschten anstatt Rot und Weiß Orange, Schwarz und Grün vor. In dem Moment schoss ein kleiner Junge an ihr vorbei. "Papa, darf ich so eine Tüte Halloween-Schokolade?" ‘Richtig, morgen ist ja der Tag vor Allerheiligen!’ erinnerte sich Gisela und nahm die ausgestellten Waren näher in Augenschein.

Eigentlich war Halloween kein Fest, das sie besonders interessierte. Die junge Generation schien sich hingegen diese amerikanische Tradition bereits zu eigen gemacht zu haben und Halloween-Partys für Groß und Klein wurden immer beliebter. ‘So alt bin ich schließlich auch noch nicht!‘, dachte sie und sah deshalb keinen Grund, sich nicht ebenso wie der Junge vor ihr für eine Tüte Schokoladenfiguren mit Halloween-Motiven zu entscheiden. Neben den Tüten sah sie noch ein Taschenbüchlein mit der Aufschrift ‘Halloween gestern und heute - ein keltisches Fest in der Moderne’. ‘Eigentlich weiß ich fast nichts über Halloween, das sollte ich vielleicht mal ändern!’ ,beschloss Gisela und machte sich mit Buch und Schokolade auf den Weg zur Kasse.

Abends fand sie sich selbst vertieft in ein Buch, wie schon lange nicht mehr. So musste sie zum Beispiel feststellen, dass ihr zwar bekannt war, dass die Kelten ihren Kalender nach den Sonnenständen ausrichteten, sie jedoch nicht wusste, dass es außer den Sonnenwendfesten und den Feiern der Tag- und- Nacht-Gleiche noch vier weitere hohe Festtage gab: Imbolc, den Tag, der das Ende des Winters und den Beginn des Frühlings symbolisierte, Beltane, an dem die Wiedergeburt, das Leben und die Liebe gefeiert wurden, Lammas oder Lughnasa, eine Art Erntefest und Samhain, der höchste keltische Feiertag. Er wurde in der Nacht zwischen dem 31. Oktober und dem 1. November begangen und war vor allem dem Gedenken an die Toten gewidmet.

Mit Spannung und Erstaunen erfuhr Gisela, dass die Anhänger der alten keltischen Glaubensgemeinschaften davon ausgingen, dass in dieser einen Nacht, dem keltischen Neujahrsfest, der ‘Schleier zwischen den Welten besonders dünn sei’, sodass die Lebenden und die Toten in eine Art von Kontakt miteinander treten konnten. ‘Wie schön’, dachte Gisela, ‘und sei es nur, dass man sich den Verstorbenen durch intensives Erinnern besonders nahe gefühlt hat.’

Gisela sah auf die Uhr und stellte fest, dass es schon fast Mitternacht war, nahm das Büchlein jedoch mit ins Bett und las es zu Ende. Zum ersten Mal seit langem schlief sie wieder ein, sobald sie das Licht gelöscht hatte und fiel in einen tiefen traumlosen Schlaf.

Am nächsten Morgen wachte sie erfrischt auf und war begeistert darüber, dass die Sonne sich bereits am späten Vormittag durch den Nebel gekämpft hatte. Sie entschloss sich, ihren Besuch auf dem Friedhof bereits am Vormittag zu machen. Auf dem Weg dorthin machte sie zweimal Halt, einmal, um ein kleines, aber edles Herbst-Grabgesteck zu erwerben und ein weiteres Mal in der kleinen Buchhandlung am Ende der Straße, in der sie früher Stammkundin gewesen war. Nach dem Tod ihres Mannes hatte sie das Lesen fast vollständig eingestellt, der letzte Abend hatte ihr jedoch gezeigt, wie sehr sie es vermisst hatte. Schnell hatte sie sich für einen Roman, der im England des dritten Jahrhunderts nach Christus spielte und eine weise Frau, die nach alten keltischen Riten lebte, zur Heldin hatte, entschieden. "Ich hoffe, sie kommen nun wieder häufiger in unseren Laden. Wir haben sie sehr vermisst!", verabschiedete sie die freundliche Buchhändlerin, die sich sofort an Gisela erinnert hatte. "Das werde ich. Ich verspreche es!", erwiderte Gisela.

Zehn Minuten später betrat sie den kleinen Friedhof, wanderte die vertrauten Grabreihen entlang und kam schließlich an dem kleinen Einzelgrab, das ein schlichter Naturstein zierte, an. "Hallo Rudi", begrüßte sie ihren Mann wie immer. "Sieh mal, ich habe Dir ein Gesteck mitgebracht..." Ihre Stimme versagte und sie spürte, wie all der Lebensmut, den sie noch kurz zuvor in der Buchhandlung empfunden hatte, wieder wich.

Sie kniete sich hin, arrangierte das Gesteck und blieb noch einige Zeit mit Tränen in den Augen in dieser unbequemen Haltung. Die Erinnerungen kamen wieder hoch: Rudi als junger Mann, Rudi als strahlender Bräutigam, Rudi als starke Schulter, an die sie sich lehnte, als der Frauenarzt ihr mitteilte, dass sie keine Kinder bekommen könne...

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