Die Kurzgeschichte zu Weihnachten

Das Weihnachtschaos

Teil 2

Eine halbe Stunde später klingelte es an der Tür. Maren und Hilke, die sich die Wartezeit mit Kartenspielen vertrieben hatten, blickten sich an. Wer konnte das denn sein? Sie erwarteten niemanden und schon gar nicht um kurz nach halb fünf am Heiligen Abend. Maren ging zur Tür, öffnete und ... staunte mit offenem Mund. Vor ihr stand niemand anderes als der Weihnachtsmann höchstpersönlich und begrüßte sie mit einem herzhaften ‘Ho ho ho!’.

Hilke kam aus der Küche geschossen, versteckte sich hinter dem Rücken ihrer Mutter und betrachtete von ihrem sicheren Posten aus neugierig den Überraschungsgast. "Na", sagte dieser als er das Mädchen entdeckte, "du bist wohl die kleine Hilke?" Das Mädchen zog es vor, auf die Frage erstmal nicht zu antworten. "Möchtest du mich nicht hereinbitten, oder vielleicht deine Mutter?", stellte der Weihnachtsmann daraufhin die nächste Frage.

Maren grinste in sich hinein. "Aber natürlich, verzeihen sie, Herr Weihnachtsmann. Gedulden sie sich nur noch einen Moment." Damit lief Maren zur Wohnzimmertür, schloss diese auf und betätigte schnell den Schalter der elektrischen Weihnachtsbaumbeleuchtung. Schon erstrahlte der Baum in seiner ganzen Herrlichkeit. Das Licht brach sich in den glänzenden roten Kugeln und den silbernen Lametta-Fäden, dazwischen hingen - wie jedes Jahr - die bunten Holzpferdchen, die Hilke so liebte. Maren betrachtete einen Moment zufrieden den Baum und die darunter drapierten Geschenke, erinnerte sich dann jedoch an ihren Besuch, der noch im Flur stand.

Einladend hielt sie die Tür zum Wohnzimmer auf. "Dann mal hereinspaziert!", sagte sie lächelnd. "Sehr freundlich", antwortete der Weihnachtsmann und schlurfte an Maren vorbei. Über der Schulter trug er einen großen braunen Jute-Sack, den er, kaum dass er im Wohnzimmer angekommen war, vorsichtig absetzte. Hilke griff nach Marens Hand und zusammen betraten nun auch die beiden den festlich geschmückten Raum.

Der Weihnachtsmann räusperte sich und wandte sich an das Mädchen. "Hast du denn auch ein Gedicht oder ein Lied vorbereitet?" Hilke zuckte leicht zusammen. Damit hatte sie nicht gerechnet! Aber sie hatte in der Schule aufgepasst und stimmte deshalb erst zögerlich, dann jedoch immer lauter und sicherer ‘Jingle Bells’ an. Im Sack des Weihnachtsmanns begann es zu rumoren. Außer Maren schien das jedoch keiner zu bemerken, Hilke war zu sehr mit ihrem Vortrag beschäftigt und der Weihnachtsmann damit, ihr entzückt zuzuhören.

Als Hilke ihr Lied beendet hatte, klatschten beide Zuhörer begeistert Beifall. "Das hast du super gemacht", lobte der Mann im roten Mantel und bückte sich zu seinem Gabensack, "dafür hast du dir wirklich die Erfüllung deines Herzenswunsches verdient!" Er griff in den Sack hinein und wühlte darin herum. "Nein, das ist es nicht, das auch nicht", murmelte er. "Da! Das ist es!", rief er dann und zog mit Schwung ein kleines schneeweißes Perserkätzchen hervor. Hilke quietschte begeistert und begann vor Aufregung auf und ab zu hüpfen.

Maren schwante Übles. Ein Blick auf das Kätzchen reichte aus, um festzustellen, wie verwirrt es von der ganzen Situation bereits war. Der neuerliche Lärm, der durch Hilkes offensichtliche Freude verursacht wurde, war zu viel für das kleine Fellknäuel. Es miaute kläglich und wand sich dann wild in den Händen des Weihnachtsmannes. Nach einer weiteren Drehung konnte dieser sein Geschenk nicht mehr festhalten und es sprang mit Schwung auf seine Schulter. Dabei verhedderte es sich in dem langen weißen Bart, was es endgültig aus der Fassung brachte. Das Kätzchen setzte wütend von der Schulter auf die Sessellehne über und nahm dabei den Bart des Weihnachtsmannes einfach mit. "Papa!", rief Hilke, "hab ich’s mir doch gedacht!"

Für weitere Erklärungen blieb jedoch keine Zeit. Das weiße Fellbündel hatte nämlich seine Flucht noch lange nicht beendet. Vom Sessel aus landete es federnd auf der Couch, die es, bis es nicht mehr weiter ging, entlangrannte. Während des schwungvollen Satzes auf den Tisch verlor es immerhin den künstlichen Bart, der vorher wie ein Schleier hinter ihm hergeweht war. Das änderte jedoch nichts daran, dass die komplette Weihnachtsdekoration mit einem lauten Krachen auf dem Boden landete. Die rutschige Tischdecke hatte den kleinen aber energischen Pfoten nicht standgehalten.

Mit Panik in den Augen suchte das Kätzchen nach einem Schlupfwinkel. Offenbar schienen ihm die Zweige des Weihnachtsbaumes dafür geeignet zu sein. Maren erkannte jedoch glücklicherweise, was in dem kleinen weißen Köpfchen vor sich ging, sprintete die paar Meter durch das Wohnzimmer und bekam gerade noch den Baum zu fassen, bevor dieser umkippen konnte. Nur ein paar Glaskugeln segelten in einem Wasserfall aus Lametta auf das Parkett, wo sie in tausend Scherben zersprangen.

Günther wollte gerade seiner Frau zu Hilfe eilen, als er ein lautes Klopfen an der Wohnzimmertür bemerkte. Er drehte sich um und erstarrte, denn vor ihm stand niemand anderes als Frau Marx. Offenbar hatte er vorhin die Wohnungstür nicht richtig hinter sich zugezogen und nun stand die gefürchtete Mitbewohnerin fast schon im Wohnzimmer und fragte: "Was ist hier denn los? Kann ich ihnen helfen?"

Bevor die drei Erstarrten realisieren konnten, dass die Worte längst nicht so streng wie erwartet klangen, wurde die allgemeine Aufmerksamkeit jedoch wieder abgelenkt. Die kleine Perserkatze hatte ausgerechnet diesen Moment gewählt, um aus ihrem schwankenden Versteck aufzutauchen und sich nach etwas Bodenständigerem umzusehen. Sie segelte aus dem Baum heraus, sprang - an jedem Ohr zwei Lametta-Fäden - direkt über Frau Marx’ Füße hinweg und fand unter einer Kommode im Esszimmer endlich einen sicheren Unterschlupf.

Günther fing sich als erster wieder. "Das,...,das ist alles meine Schuld!", stammelte er. "Wir,...,wir wollten bestimmt nicht so viel Lärm und Unruhe verbreiten. Wenn ich nicht die verrückte Idee mit dem Kostüm gehabt hätte, wäre das Kätzchen bestimmt nicht so nervös geworden!" "Bitte geben sie dem Kätzchen noch eine Chance! Ich möchte es so gerne behalten!", schaltete sich Hilke mit flehentlichem Blick ein.

Frau Marx blickte unsicher von einem zu anderen. "Schuld? Lärm? Ich verstehe nicht ganz!" "Na, die Hausordnung", half Maren aus, "selbst Tiere sind erlaubt, wenn sie nur keinen Lärm machen!" Frau Marx schlug sich höchst undamenhaft vor den Kopf, was in Verbindung mit ihrer eleganten Erscheinung einer gewissen Komik nicht entbehrte. "Die Hausordnung! Ich habe vergessen, die Hausordnung zu ändern! Wissen sie," fuhr sie an die Familie gewandt fort, "das Haus gehört nämlich mir. Mein Mann besaß außerdem noch einige andere Häuser, ganz zu schweigen von dem beweglichen Vermögen. Aber er war ein klassischer Patriarch. Kein schlechter Mensch, jedoch jemand, der keine Meinung außer der eigenen gelten ließ. Ich habe in den fünf Jahren seit seinem Tod schon viel verändert, aber die Hausordnungen auf ihre Familienfreundlichkeit zu überprüfen, daran hatte ich bis jetzt nicht gedacht. Das wird das Erste sein, was ich im neuen Jahr in Angriff nehme!"

Maren erinnerte sich an einen Zeitungsbericht über eine Millionärswitwe, die ein Wohnhaus in ein Heim für bedürftige Kinder umgewandelt hatte und auch sonst immense Summen wohltätigen Zwecken zur Verfügung stellte. Gerade wollte sie Frau Marx darauf ansprechen, als diese ihrerseits wieder etwas sagte: "Wo haben sie denn wohl einen Besen und eine Kehrschaufel? Wir sollten schnell die Scherben beseitigen, nicht dass die Kleine sich nach all der Aufregung auch noch die Pfötchen verletzt!" "Mögen sie denn Katzen?", fragte Hilke schüchtern? Frau Marx zwinkerte ihr freundlich zu. "Sehr sogar. In meiner Kindheit hatte ich immer mindestens zwei. Leider duldete mein Mann keine Haustiere. Aber ich hatte mir immer geschworen, dass unsere Kinder einmal Tiere haben sollten. Zu dieser Auseinandersetzung ist es allerdings nie gekommen. Das Schicksal wollte nicht, dass wir Eltern werden."

Als wenig später mit vereinten Kräften die Spuren des Weihnachtschaos’ beseitigt waren, traute sich Maren eine Frage zu stellen: "Sagen sie, Frau Marx, gab es in ihrer Kindheit auch ein traditionelles Essen am Heilig Abend?" "Oh ja", antwortete die Ältere schmunzelnd, "Würstchen und Kartoffelsalat!" Auf diese Antwort hatte Maren gehofft. "Dürfte ich sie dann vielleicht zum Dank für ihre tatkräftige Hilfe zum Abendessen einladen?" Maren deutete mit schwungvoller Geste auf den Esstisch, auf dem Günther bereits eine große Schüssel mit Kartoffelsalat platziert hatte. Aus der Küche begann es außerdem bereits verführerisch nach Würstchen zu duften.

In den Augen der Dame blitzte es auf. "Sehr gerne", sagte sie, "aber nur, wenn sie im Gegenzug morgen meine Einladung zur Weihnachtsgans annehmen. Ich bestelle schon seit 30 Jahren bei einem kleinen Schlachter ein Menü für vier Personen und bringe es einfach nicht übers Herz, dem kleinen Betrieb diese Einnahmequelle zu nehmen - selbst wenn ich dafür den halben Januar von aufgetauten Gänseteilen leben muss!"

Und während sich die vier einträchtig über das Abendbrot hermachten, lugte ein kleiner weißer Kopf mit nicht mehr ganz so ängstlichen Augen unter der Kommode hervor. Wie könnte man nur an das Futter kommen, das diesen leckeren Geruch verströmte? Ob ein beherzter Sprung auf den Tisch wohl ein guter Anfang wäre...?

Ende

© Britta Martens 2006

 

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