Auch im Dunkeln schnurrt´s sich gut

oder:

Wie eine blinde Katze ein neues Zuhause fand

Jeder hat sie schon einmal gesehen, die kleinen Mitteilungen der örtlichen Tierheime in Tageszeitungen und Anzeigenblättern. Meist sind zwei oder drei Fotos von Fundtieren, die ein neues Zuhause suchen, abgebildet. Häufig handelt es sich bei den Hunden oder Katzen um besonders schwer zu vermittelnde Tiere. Sie sind alt, krank, manchmal verhaltensgestört oder haben eine körperliche Beeinträchtigung.

Man nimmt diese Fotos wahr, verspürt einen Anflug von Mitleid und hofft, dass sich eine mitfühlende Seele erbarmt und das Tier bei sich aufnimmt.

So habe ich dies auch immer gehandhabt, zumal ich seit zehn Jahren einen - mitunter recht eigensinnigen - schnurrenden Mitbewohner habe. Als mir eines Tages aber mal wieder ein kostenloses Anzeigenblatt vor die Haustür gelegt wurde, erregte eine Tierheim-Annonce meine Aufmerksamkeit:

Kurz vor Frühlingsanfang war bei eisiger Kälte eine Katze halberfroren und fast verhungert aus einem Bach gezogen worden. Die Helferinnen im Katzenhaus nahmen sich des Tieres an und päppelten es auf. Es stellte sich heraus, dass die Katze etwa acht Jahre sein musste, und möglicherweise ausgesetzt oder von einem Bauernhof ausgerissen war. Hinzu kam, dass es sich bei dem Fundtier um einen blinden Vierbeiner handelte.

Was letzten Endes den Ausschlag gab, weiß ich nicht, aber ich rief am nächsten Tag im Katzenhaus an und vereinbarte einen Termin. Die zierliche schwarze Katze beeindruckte mich sofort, denn sie bewegte sich im Katzenhaus trotz ihrer Sehbehinderung erstaunlich zielstrebig. Durch die Tierpflegerin erfuhr ich, dass die Katze das Handikap des Nicht-Sehen-Könnens durch ihr ausgezeichnetes Hörvermögen, ihren ausgeprägten Geruchssinn und natürlich die Tasthaare sehr gut kompensieren könne.

Meine anfänglichen Bedenken waren bald zerstreut und ich beschloss, das Experiment zu wagen und diese Katze, die im Tierheim übrigens den Namen "Heidi" erhalten hatte, mit nach Hause zu nehmen, in der Hoffnung, dass mein Kater nach der jahrelangen Alleinherrschaft eine zweite - noch dazu fast gleichaltrige - Katze dulden würde.

Nachdem also für die neue Mitbewohnerin die Utensilien (Körbchen, Katzentoilette….) angeschafft waren und sie von einem Tierarzt durchgecheckt und sterilisiert worden war, konnte sie ihr neues Zuhause beziehen. Würde sie sich in der Wohnung zurechtfinden oder tagelang verkriechen? Würde sie stubenrein bleiben? Und vor allem: Wie würde sie mit dem Kater zurecht kommen?

Ich machte mich auf eine turbulente Zeit gefasst. Da sie blind ist, beschloss ich, ihr zuerst nur den Flur und das Bad zu "zeigen". Sie schnupperte ausgiebig in allen Ecken und schien sich recht schnell ihr eigenes "Navigationssystem" zurecht zu legen.

Nachdem sie mit den beiden Räumlichkeiten vertraut war, stellte ich mich meiner größten Sorge: dem alteingesessenen Kater Merlin.

Im Flur trafen die Zwei erstmals aufeinander: es erfolgte allgemeines Beschnuppern und Anfauchen. Doch nach kurzer Zeit schon ging jedes Tier seiner Wege; es hatte den Anschein, als hätten die Beiden nur Desinteresse für einander übrig. Ich war zunächst ein wenig enttäuscht darüber, sagte mir aber dann, das dies besser sei, als wenn sie kampfeslustig aufeinander losgingen.

Nach Flur und Bad kamen hintereinander das Wohnzimmer und die übrigen Räumlichkeiten an die Reihe. Auch meine anfänglichen Bedenken, die blinde Katze könnte sich fortwährend verlaufen oder unrein werden, erwiesen sich als unbegründet. Von Anfang an benutzte sie die Katzentoilette und fand jederzeit ihren Futter- und Trinknapf.

Inzwischen ist Heidi seit über einem Jahr bei mir und macht mir viel Freude. Auch sie scheint sich sehr wohl zu fühlen. Manchmal, wenn ich sie beobachte, wie sie ihre kleine Fellmaus quer durch´s Zimmer „jagt" und so selbstvergessen und wild spielt, kann ich nicht glauben, dass sie nichts sieht. Auch lässt sie sich von Merlin nichts gefallen und zwar weder am Futternapf, noch während des Spiels.

Selbstsicher und flott durchstreift sie die Räumlichkeiten und weicht mit traumwandlerischer Sicherheit Hindernissen, wie beispielsweise Möbeln, aus. Sie hat in der Wohnung ihre ganz eigenen Stammplätze gefunden – die sie auch gegen den Kater verteidigt – und den Weg zu Futternapf und Katzentoilette legt sie stets zielgerichtet zurück.

Arztbesuche sind übrigens nicht öfter erforderlich, als bei der gesunden Katze auch.(TS)