Katzen Kurzgeschichte für den Juni 2007

Hamburgs Kater

Teil 2

 

"Wie siehst du denn aus?", fragte Rodney entgeistert seine Frau, der er gerade am späten Samstagvormittag das Frühstück ans Bett brachte. Sie hatte sich tief in die Decke gekuschelt und neben dem Bett türmte sich bereits ein beachtlicher Berg gebrauchter Papiertaschentücher auf. Das erklärte immerhin die rote Nase. "Ach, nur so eine blöde Erkältung. Ich hab die Nacht über schon richtig schlecht geschlafen und seit du heute Morgen aufgestanden bist, habe ich kaum noch was anderes gemacht, als meine Nase zu putzen." "Das tut mir leid", erwiderte Rodney, "dann verbringen wir ein ganz ruhiges Wochenende auf dem Sofa. Ich leihe uns nachher einen Film aus und wir machen es uns gemütlich. Das Tierheim kann auch noch eine Woche warten!" "Da hast du wohl recht. Obwohl ich schon auf unseren neuen Hausgenossen gespannt bin!"

Am Nachmittag des gleichen Tages trafen sich Candor II. und Aurelius in unmittelbarer Nähe des Hauses, in dem Letzterer mit seiner Menschenfamilie wohnte. Candor machte einen nervösen Eindruck. "Das wird schon!", machte ihm Aurelius Mut, "halte dich einfach genau daran, was ich dir gesagt habe!" Candor atmete tief durch und streckte sich kurz. "Dann mal los!", sagte er.

Die beiden Kater quetschten sich durch den Zaun des Grundstücks, das direkt neben Aurelius’ Zuhause lag. Sie landeten in einem kleinen Garten, hielten sich jedoch zunächst noch in den Büschen versteckt. Aurelius sondierte die Lage. "Dort hinten haben die Menschen ein großes Fenster, von dem sie einen guten Blick auf den ganzen Garten haben. Wir sollten unsere große Show auf dem Gras direkt vor der Terrasse starten. Bist du bereit?" Candor konnte nur nicken.

Aurelius zählte bis drei und schon schossen die beiden Kater auf den vereinbarten Platz zu. Candor sprang vorweg, Aurelius war ihm dicht auf den Fersen. Genau vor der Terrasse wurde Candor einen Tick langsamer, sodass sein Verfolger ihn einholen und ihm auf den Rücken springen konnte. "Au, das hat weh getan du Idiot!" "Umso besser", erwiderte Aurelius mit einem breiten Grinsen, "dann wird dir das Hinken gleich viel leichter fallen!"

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"Was ist da denn los?", fragte Rodneys Frau zwischen zwei Niesern. Rodney war bereits aufgesprungen um nachzusehen, was den infernalischen Lärm in seinem Garten auslöste. "Zwei Kater", antwortete er an der Terrassentür angekommen. "Der eine ist glaub’ ich der Burschi von nebenan, den anderen kenne ich nicht. Ein kleines schwarz-weißes Exemplar. Und dem Burschi absolut unterlegen. Das geht so nicht!" Rodney öffnete die Tür und stürmte hinaus.

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"Perfekt, da kommt der Mensch und sieht verdammt wütend aus", raunte Aurelius Candor zu. In dem Moment flog ihm auch schon ein kleiner Ball um die Ohren. "Also ich bin weg. Und denk daran, heute noch nicht anfassen lassen! Du musst ängstlich und scheu wirken. Wir sehen uns morgen!" Mit diesen Worten ließ Aurelius von Candor ab, schoss quer über den Rasen und verschwand in der Hecke zum Nachbargarten.

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Kaum dass Rodney den kräftigen Burschi verscheucht hatte, wurde sein Blick weich. Er hockte sich hin, um auf das Katerchen, dass sich die offensichtlich schmerzende Pfote leckte, nicht so bedrohlich groß zu wirken. "Na, tut die Pfote weh?", fragte er sanft. Das Katerchen blickte ihn an. Ganz vorsichtig bewegte sich Rodney näher an den Kleinen heran. Doch als er fast so dicht herangekommen war, dass er ihn hätte streicheln können, suchte der kleine Kerl das Weite und lief zum anderen Ende des Gartens. Er blickte sich noch einmal kurz um und verschwand.

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Gerne hätte Candor II. sich von dem großen jungen Mann streicheln lassen, doch er wusste, dass es sinnvoller war, sich an den Plan zu halten. Schon morgen würde es weitergehen.

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"Das sind wieder die beiden Kater!", rief Rodney und stürmte wie schon am Tag zuvor nach draußen. "Burschi, mach dass du wegkommst!", donnerte er und war froh, dass er sich auch diesmal durchsetzen konnte. Wieder näherte er sich vorsichtig dem kleinen schwarz-weißen Katerchen. In etwa einem halben Meter Entfernung von ihm hockte er sich hin.

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Candor II. ging die Anweisungen noch einmal durch. Ja, heute durfte er sich von dem Menschen anfassen lassen, aber noch nichts von ihm annehmen und auch noch nicht die Wohnung betreten. Das war erst für die nächsten Tage und Wochen vorgesehen! Fast wäre er auf den Mann zugestürmt, erinnerte sich jedoch im letzten Moment an seine Rolle und tastete sich vorsichtig an die ausgestreckte Hand heran. Und dann erfuhr er zum ersten Mal, wie angenehm es war, von kräftigen Menschenhänden den Rücken massiert zu bekommen.

 

In den nächsten Tagen hielt sich Candor weiterhin an den Plan und tatsächlich schien alles gut zu gehen. Aurelius beobachtete seinen Schützling aus der Gartenhecke heraus und war hoch zufrieden. Nach einer Woche hatte er die Menschen noch einmal getestet, indem er sich an Candors neuem Futternapf, der auf der Terrasse aufgetaucht war, zu schaffen gemacht hatte. Sofort war der Mensch zur Stelle gewesen und hatte ihm ruhig aber bestimmt klargemacht, dass er zu verschwinden habe. An diesem Abend hatte er seinem Freund das Okay gegeben. Dies waren ohne Frage die richtigen Menschen.

Gute drei Wochen, nachdem Candor den Entschluss gefasst hatte, sein Streunerleben aufzugeben, betrat er tatsächlich eine Menschenwohnung. Und an seinen neuen Namen hatte er sich auch bereits gewöhnt. Immerhin gab es wesentlich Schlimmeres als Eddie - vor allem wenn man behaglich zwischen seinen Menschen auf dem Sofa lag!

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Kurzmeldungen

Katzenfänger außer Gefecht

Am Sonntag Morgen wurde der Kleintransporter des hiesigen Katzenfängers komplett zerstört aufgefunden. Aus unerklärlichen Gründen hatte sich in leicht abschüssiger Position die Handbremse gelöst, woraufhin der Wagen frontal mit einer Mauer kollidierte. Das einzig Auffällige in dieser Nacht sei laut diverser Zeugenaussagen ein Rudel von ca. 40 Katzen gewesen, dass sich in der Straße herumgetrieben habe. Für sachdienliche Hinweise wenden sie sich bitte an die Polizei über Amt.

© Britta Martens 2007